Geschichten des gepflegten Wahnsinns
Diese Geschichten betreten nicht einfach eine Bühne – sie marschieren ein wie eine übermotivierte Operntruppe, die glaubt, das Universum drehe sich ausschließlich um ihren Auftritt. Dramatische Wendungen werden hier nicht eingeführt, sondern mit einem 20‑köpfigen Bläserensemble angekündigt. Und falls irgendwo doch Logik auftauchen sollte, wird sie höflich, aber bestimmt des Saales verwiesen: „Tut uns leid, wir haben hier schon genug Unordnung, danke.“
Die Erzählungen selbst verhalten sich wie Götter, die vergessen haben, dass sie eigentlich nur Ferien machen wollten. Sie schleudern mit Absurditäten um sich, als wären es Blitzschläge, und streuen Sarkasmus in solch industriellen Mengen, dass man meinen könnte, er werde tonnenweise subventioniert. Figuren stolpern durch Welten, die sich weigern, physikalische Gesetze ernst zu nehmen, während das Schicksal im Hintergrund Popcorn knabbert und applaudiert.
Jede Szene ist ein Monument der Übertreibung, jede Pointe ein Katapult, das den gesunden Menschenverstand in die Stratosphäre befördert. Hier wird nicht erzählt — hier wird exzessiv inszeniert, dezent überdramatisiert und mit einer Ladung Ironie verziert, die selbst gestandene Zyniker zu Tränen rührt.
Kurzum: Diese Geschichten sind der literarische Gegenentwurf zu „normal“. Ein epischer Schlachtzug durch Humor, Chaos und gnadenlosen Sarkasmus, der keinerlei Rücksicht auf das Wohlbefinden der Realität nimmt. Und das ist auch gut so.
Das Dorf der letzten Warnung
Eine rabenschwarze Satire‑Novelle über die Menschheit
PROLOG – In dem niemand etwas merkt
Das Dorf Untergangsruh war berühmt für drei Dinge:
- seine Faulheit
- seine Ignoranz
- und dass beides auf die Einwohner abfärbte wie Schimmel auf Brot
Die Menschen lebten dort seit Jahrhunderten so, als gäbe es keine Welt ausserhalb ihres kleinen Tals. Und selbst wenn es eine gab – sie betraf sie nicht.
Gefahr war in Untergangsruh etwas, das man ignorierte, bis sie weg war … oder bis sie einen verschluckte. Der Prophet Eremus war der Einzige, der dies für problematisch hielt.
Übrigens mochte ihn deshalb niemand.
KAPITEL 1 – Der Mann mit dem Schild
Eremus war kein Prophet. Er war nur der Einzige, der lesen konnte, ohne währenddessen einzuschlafen.
Er stand jeden Morgen auf dem Hauptplatz mit einem neuen Warnschild:
- „FLUT“
- „FEUER“
- „SEUCHEN“
- „MENSCHHEIT“ (das verstand keiner)
Die Leute gingen achtlos daran vorbei. Einige klatschten sogar, weil sie dachten, es sei Kunst.
„Ihr müsst handeln!“, rief Eremus.
„Wieso?“, fragte eine alte Frau. „Steht doch eh alles im Schicksal. Oder in der Zeitung. Oder in den Sternen. Irgendwo halt.“
Die Bürgermeisterin Gerlinde Selbstgefäll trat auf den Platz, perfekt frisiert, perfekt uninteressiert.
„Ignorieren, meine Lieben. Wenn wir’s ignorieren, geht es weg.“
Es ging nie weg.
Aber die Dorfbewohner liebten diesen Ansatz.
KAPITEL 2 – Der Fluss erhebt sich
Eines Morgens bemerkten die Bauern, dass der Fluss plötzlich über die Ufer trat.
„Das ist normal“, erklärte Herr Falschsinn, der zu einem lebenden Mythos geworden war: ein Mann, der aus Prinzip immer falsch lag.
Er hatte noch nie recht. Und genau deshalb glaubte man ihm.
„War schon immer so“, sagte er, während Wasser seine Schuhe verschluckte.
Eremus rannte über die Brücke: „Der Damm ist instabil! Ihr müsst Sandsäcke bauen!“
Die Dorfbewohner reagierten wie eine gut geölte Maschine der Unfähigkeit:
- „Nein, zu schwer.“
- „Sandsäcke sind nur Panikmache.“
- „Ich hab Rücken.“
- „Wenn wir’s nicht sehen, ist es nicht real.“
- „Vielleicht regelt die Natur das?“
Die Natur regelte etwas. Nur eben nicht für sie.
KAPITEL 3 – Der Prophet wird unbequem
Eremus stellte ein neues Schild auf: „FEUER IM ANMARSCH“
Die Dorfjugend machte Selfies davor. Einige hängten Sticker drauf. Einer bewarf es mit einem Apfel. Manche sagten: „Cool, endlich passiert mal was.“
Im Wald brannte es bereits. Vögel flohen kreischend. Ein Reh rannte mitten durchs Dorf.
„Warum rennt das so?“ fragte eine Passantin.
„Vielleicht spielt es Tagesschau nach“, meinte Falschsinn. „Diese Tiere sind so theatralisch.“
Der Rauch zog auf. Der Himmel wurde orange. Eine Hitzewelle traf das Dorf.
Bürgermeisterin Selbstgefäll sagte: „Das ist Sommer. Oder Wetter. Oder Klimafiktion. Jedenfalls nichts Wichtiges.“
Alle nickten. Wenn sie nickten, fühlten sie sich klug.
KAPITEL 4 – Das Dorf macht weiter wie immer
Der Funke sprang über das trockene Gras.
Ein Haus begann zu brennen. Dann das zweite. Dann die Scheune.
Viele Dorfbewohner reagierten angemessen:
- „Warum hat das niemand verhindert?“
- „Warum tut keiner etwas?!“
- „Warum immer ich? Ich hab doch nichts gemacht!“
- „Wieso löscht die Feuerwehr nicht?“
- „Hab doch kein Abo für Katastrophen!“
Die Feuerwehr war vor zwei Jahren aufgelöst worden, weil sie „zu oft warnte“.
Eremus schleppte Wassereimer, allein. Niemand half ihm. Die Menschen filmten lieber.
Ein Junge streamte live: „OMG, voll das Feuer! Leute, abonniert mich, bevor ich verbrenne!“
KAPITEL 5 – Das große Nichtstun
Als die Flammen im Dorf tanzten wie begeisterte Touristen, trat die Bürgermeisterin auf den Platz.
„Wir müssen ruhig bleiben!“, rief sie.
Im Hintergrund stürzte ein Dach ein.
„Wir beobachten die Lage!“
Der Dorfbrunnen verdampfte.
„Es gibt keinen Grund zur Panik!“
Der Marktplatz stand in Flammen.
Der Prophet fragte verzweifelt: „Wann entscheiden Sie sich endlich, etwas zu tun?“
„Später“, sagte sie. „Wenn’s wichtig wird.“
KAPITEL 6 – Die dritte Warnung
Als das Feuer endlich abebbte, standen nur noch verkohlte Skelette von Häusern im Dorf.
Wenige überlebten. Viele gaben Eremus die Schuld.
Warum? Weil jemand schuld sein musste.
Er stellte sein letztes Schild auf: „METEORIT“
Die Menschen lachten schallend. „Jetzt isch aber gut!“, sagte ein Mann mit verbrannten Augenbrauen. „Als ob noch eine Katastrophe kommt.“
Dann begann der Himmel zu glühen. Ein Schweif. Ein Brüllen. Eine Druckwelle.
„Huch“, sagte die Bürgermeisterin. Es war ihr letztes Wort.
KAPITEL 7 – Der letzte Augenblick
Der Meteor schlug ein paar hundert Meter außerhalb ein. Die Druckwelle fegte durchs Tal. Die letzten Dächer flogen davon. Die letzten Menschen flogen hinterher.
Eremus kniete im Staub, lachte bitter und weinte zugleich.
Er murmelte: „Ich habe euch gewarnt. Ich habe euch immer gewarnt.“
Niemand war mehr da, um ihn zu widersprechen.
EPILOG – Was bleibt
Untergangsruh existierte nicht mehr. Nur ein schwarzer Krater. Ein paar verkohlte Balken.
Und ein einziges Schild, das der Wind umwarf und wieder aufstellte:
„DIE LETZTE WARNUNG“
Auf der Rückseite: „ZU SPÄT.“
Und das war es. Das Erbe eines Dorfes, das alles sah – und nichts tat.

