Die Letzte Warnung – Chroniken einer aussterbenden Spezies
Ein brennender Himmel. Ein Dorf, das die letzte Warnung ignoriert.
Als ein geheimnisvoller Feuerball über den Häusern aufschlägt, zerbricht der dünne Schleier der Normalität – und die Abgründe der Menschen treten gnadenlos hervor.
Während die Bewohner in Panik, Aberglauben und absurden Ritualen versinken, versucht eine kleine Gruppe zu verstehen, was wirklich hinter der Katastrophe steckt.
Doch je näher sie der Wahrheit kommen, desto klarer wird: Der wahre Untergang war schon längst da – und er trägt menschliche Züge.
Eine rabenschwarze Satire über Angst, Macht und die Dummheit, die uns alle verbindet.
Die Letzte Warnung – Chroniken einer aussterbenden Spezies
Eine tiefschwarze, makabre, grotesk-humorvolle Trilogie über die Menschheit
📘 INHALTSVERZEICHNIS
🔹 Vorwort
Warum dieses Buch existiert
Der Ton der Satire
Die Kunst des makabren Humors
Warnhinweis: „Alle Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig – oder unvermeidlich.“
🔹 Prolog
Die Natur überlegt, ob sie die Kündigung einreichen soll
Die Menschheit bemerkt nichts
🕯️ TEIL I – DER UNTERGANG DES DORFES
Kapitel 1 – Das Dorf, das nichts wusste
Kapitel 2 – Der Prophet und sein nutzloses Hobby
Kapitel 3 – Flutwarnung (niemand muss es ernst nehmen)
Kapitel 4 – Das steigende Wasser und die sinkende Aufmerksamkeit
Kapitel 5 – Feuer im Wald (aber nein, bestimmt nicht hier)
Kapitel 6 – Der Funke, der nicht hätte zünden dürfen
Kapitel 7 – Ignoranz bis zum letzten Atemzug
Kapitel 8 – Der Meteor, der keine Chance hatte, ignoriert zu werden
Kapitel 9 – Die Auslöschung eines Dorfes
Epilog I – Eremus bleibt allein
📘 VORWORT
Über die Kunst, unterzugehen, ohne es zu merken
Wenn du dieses Buch in den Händen hältst, hast du bereits etwas geschafft, woran die meisten scheitern: Du hast zugegeben, dass du es liest.
Das unterscheidet dich schon wesentlich vom Großteil der Bevölkerung der Welt, die in diesen Seiten porträtiert wird – einer Welt, die nicht so weit von der unseren entfernt liegt, wie es zu unserem Wohlbefinden sein sollte. Denn eines ist klar:
Die Menschen in diesem Buch sind nicht speziell dumm. Sie sind nicht einzigartig ignorant. Sie sind nicht außergewöhnlich egoistisch.
Nein. Sie sind schlicht… Menschen.
Die Satire in diesem Buch ist schwarz – nicht anthrazit, nicht dunkelgrau, sondern tintenschwarz, rabenschwarz, sternenlos‑schwarz. Sie zeigt nicht das Beste im Menschen. Sie zeigt auch nicht das Schlechteste. Sie zeigt das, was bleibt, wenn beides zu anstrengend geworden ist:
Den Einheitsbrei aus Bequemlichkeit, Selbsttäuschung, Überheblichkeit und kollektivem „Wird schon schiefgehen“, der die Spezies seit Jahrtausenden am Laufen hält – und gleichzeitig zu Boden bringt.
Dieses Buch ist kein moralischer Zeigefinger. Es ist ein Spiegel. Natürlich ein verzerrter. Satire ist nichts anderes als eine Lupe, die wir über die Risse der Menschheit legen und dabei so tun, als seien wir selbst makellos.
Die hier beschriebenen Orte existieren nicht. Die Menschen existieren nicht. Die Katastrophen existieren nicht.
Aber die Haltungen, Denkweisen und Verhaltensmuster existieren – und zwar überall dort, wo Menschen lieber bequem als klug sind. Was, wie wir wissen, die gesamte bekannte Welt umfasst.
Du wirst in diesem Buch keine Helden finden. Nur Menschen, die verzweifelt versuchen, keine Verantwortung zu tragen. Du wirst keine Bösewichte finden. Nur Menschen, die Fehler machen und sie dann anderen ankreiden. Du wirst keine Hoffnung finden. Nur… na ja. Vielleicht ein bisschen. Aber nur, wenn du genau hinschaust.
Denn manchmal liegt Hoffnung nicht darin, dass Menschen besser werden – sondern darin, dass sie irgendwann endlich zuhören.
Und vielleicht ist das die einzige Warnung, die dieses Buch wirklich ausspricht: Wer früh genug zuhört, muss nicht am Ende allein übrigbleiben.
Aber das ist, wie so vieles, nur eine Möglichkeit.
🌑 PROLOG
In dem die Welt kurz innehält – und niemand bemerkt es.
Zuerst war es nur ein leises Seufzen. So leise, dass kein Mensch es hören konnte, nicht einmal jene, die vorgaben, auf „ihre innere Stimme“ zu lauschen. Es war das Seufzen der Natur, der Welt, des Universums selbst – einer uralten, geduldigen Kraft, die viel gesehen hatte, vielleicht zu viel.
Seit Anbeginn der Zeit hatte die Erde Katastrophen erlebt. Einschläge. Explosionen. Sonnenstürme. Eiszeiten. Schmelzzeiten. Wandel über Wandel über Wandel. Doch nie zuvor hatte sie etwas erlebt, das so hartnäckig, so erfinderisch, so unermüdlich in Richtung Selbstzerstörung arbeitete wie…
… die Menschheit.
Nicht, dass die Menschen schlecht waren. Nicht einmal faul. Sie waren einfach… gut beschäftigt. So beschäftigt, dass sie selten etwas bemerkten. Zum Beispiel:
- wenn der Himmel sich verfärbte
- wenn der Boden bebte
- wenn das Meer stieg
- wenn der Wald brannte
- wenn der Prophet warnte
- wenn das Ende kam
Sie bemerkten es erst, wenn sie mittendrin standen. Und selbst dann fragten sie:
„Wieso hat uns niemand gewarnt?“
Die Welt seufzte erneut. Ein langes, müdes Seufzen.
Sie überlegte, ob sie kündigen sollte.
Vielleicht gab es irgendwo da draußen einen anderen Planeten, der die Stelle übernehmen konnte. Einen mit weniger Erwartungen. Weniger Verpflichtungen. Weniger… Menschen.
Aber Pflichten sind Pflichten, und so rollte die Natur mit den tektonischen Schultern, ließ ein paar Wolken weiterziehen und beobachtete, wie unten auf ihr ein kleines Dorf gerade den perfekten Moment verpasste, zu bemerken, dass seine Zeit ablief.
Es war, wie immer, zu beschäftigt. Doch das ist nur der Anfang. Ein erstes Flackern. Ein erster Riss im Stoff. Der Menschheit standen noch zwei ganze Untergänge bevor – jeder größer, jedes Mal vorhersehbarer, jedes Mal vermeidbarer. Und jedes Mal würden sie es schaffen, nichts daraus zu lernen.
Denn das war die einzige Tradition, die wirklich stabil blieb.
📖 TEIL I – DER UNTERGANG DES DORFES
📖 Kapitel 1 – Das Dorf, das nichts wusste
Es gibt Dörfer, die stolz sind auf ihre Geschichte. Dörfer, die Chroniken besitzen, Wappen, Museen, Ortslegenden, Stammbäume, alte Bücher in verstaubten Archiven.
Und dann gibt es Untergangsruh.
Untergangsruh wusste nichts über seine Vergangenheit. Es wusste nicht, wann es gegründet worden war. Es wusste nicht, wer es gegründet hatte. Und es wusste nicht, warum überhaupt jemand auf die Idee gekommen war, gerade hier ein Dorf zu bauen – mitten in einem Tal, das aussah, als wäre es nur dafür geschaffen worden, Dinge hineinzuschwemmen. Die Dorfbewohner erklärten das so: „Wenn es wichtig wäre, wüssten wir es.“
Es war eine Philosophie, die erstaunlich gut funktionierte. Vor allem für Menschen, die keine Philosophie hatten.
Die Bewohner wussten nichts – und das war ein Zustand, den sie innig kultivierten. Sie wussten nicht, warum im Sommer ständig der Wald brannte. Sie wussten nicht, warum der Fluss regelmäßig seinen Lauf änderte. Sie wussten nicht, warum der Boden gelegentlich brummte wie ein nervöser Hund. Sie wussten noch nicht einmal, warum es im Winter so schneite, als hätte der Himmel eine persönlich beleidigte Beziehung zu ihnen.
Kurz: Untergangsruh wusste nichts. Und wollte nichts wissen.
Wissen war anstrengend. Wissen führte zu Verantwortung. Und Verantwortung führte zu Entscheidungsfindung. Ein Vorgang, den die Dorfbewohner strikt ablehnten. Untergangsruh war ein Dorf, das lieber vom Leben überrascht wurde, als es zu planen.
Zum Beispiel an jenem Morgen, als die Sonne aufging und niemand bemerkte, dass sie sich seltsam verfärbt hatte. Ein leicht kupferner Ton. Ein Hauch von violett. Ein Schimmer, wie man ihn normalerweise nur sieht, wenn man zu lange auf Bildschirme starrt. Einige Dorfbewohner blickten kurz hinauf.
„Komisch“, murmelte einer.
„Warum?“, fragte ein anderer.
„Keine Ahnung. Vielleicht hab ich schlecht geschlafen.“
Damit war das Thema erledigt.
Ein anderes Dorf vielleicht hätte darüber diskutiert. Ein weiteres hätte vielleicht in der Dorfchronik nachgelesen. Ein drittes hätte vielleicht Experten konsultiert.
Untergangsruh jedoch tat das, was es immer tat: ignorieren, bis es vorbeigeht oder ignorieren, bis man selbst vorbeigeht.
🕯️ Der Tagesbeginn
Der Tag begann wie jeder andere: mit einer Mischung aus Routine, Zufall und unachtsamer Selbstgefährdung.
Der Bäcker verbrannte wie üblich das erste Brot des Tages, warf es aus dem Fenster und sagte: „Das bringt Glück.“
Die Kinder liefen zur Schule und betrachteten auf dem Weg jede mögliche Pfütze als Einladung, hineinzuspringen – unabhängig ihrer Tiefe, Temperatur oder chemischen Zusammensetzung.
Die alten Männer am Dorfbrunnen diskutierten darüber, dass früher alles besser gewesen sei, vor allem die Dinge, die sie nie erlebt hatten.
Und Bürgermeisterin Gerlinde Selbstgefäll stand auf ihrem Balkon, blickte auf das Dorf hinunter und seufzte zufrieden.
Nicht etwa zufrieden, weil alles gut war. Nein. Sondern, weil alles gerade ruhig genug war, um nichts tun zu müssen.
Gerlinde war weltmeisterlich darin, Probleme zu vermeiden, indem sie ihre Existenz leugnete. Sie war überzeugt, dass Katastrophen nur deshalb stattfanden, weil sich Menschen damit beschäftigten.
„Wenn die Leute weniger über Gefahren reden würden,“ pflegte sie zu sagen, „gäbe es auch weniger.“
Eine These, die die Realität in den kommenden Kapiteln auf eine harte Probe stellen würde.
🌿 Das Flüstern der Natur
Während die Dorfbewohner ihrem Alltag nachgingen, bemerkte niemand die kleinen Anzeichen.
Der Fluss rauschte lauter als sonst. Die Vögel sangen weniger und kreischten mehr. Die Erde war leicht warm unter den Füßen. Ein Eichhörnchen rannte panisch im Kreis und fiel dann einfach um, als habe es für einen Moment den Glauben an seine Spezies verloren.
Ein Wanderer, der zufällig vorbeikam, sah die Szene und murmelte: „Komisches Dorf.“
Er irrte sich. Es war kein komisches Dorf. Es war ein völlig normales Dorf, das nur in einer komplett unnormalen Welt lebte. Doch das bemerkten die Einwohner nicht. Sie bemerkten nie etwas, bis es ihnen ins Gesicht sprang.
Und selbst dann fragten sie: „Warum ausgerechnet ich?“
☁️ Die erste Vorahnung
Eremus jedoch stand auf einem Hügel am Rande des Dorfes und sah alles. Den Fluss. Den Wald. Die Tiere. Den Himmel. Die Zeichen. Er spürte die Unruhe der Natur wie ein Flüstern im Rücken. Er öffnete seine Tasche und zog ein Schild hervor, sorgfältig bemalt, mit kräftigen schwarzen Lettern, die er in stundenlanger Arbeit zu perfekter Dringlichkeit gebracht hatte. Er stellte es auf, bog sich kurz zurück und betrachtete sein Werk: „ES KOMMT.“
Ein Schild, das so klar war, dass man fast darüber hätte stolpern müssen. Doch im Dorf unten diskutierten zwei Männer lautstark darüber, ob Wasser tatsächlich nass sei.
Und so begann der Untergang. Nicht als Knall. Nicht als Warnung. Sondern als leiser Windhauch, den niemand bemerkte. Doch er war da. Und er würde bleiben.
📖 Kapitel 2 – Der Prophet und sein nutzloses Hobby
Eremus war im Grunde genommen ein einfacher Mann.
Er war weder besonders gebildet noch besonders stark, nicht besonders charismatisch und schon gar nicht besonders beliebt. Was ihn jedoch von allen anderen Bewohnern Untergangsruhs unterschied, war etwas zutiefst Unnatürliches.
Etwas, das in diesem Dorf als verdächtig galt. Etwas, das man misstrauisch beäugte wie einen streunenden Hund, der zu viele Zähne zeigte.
Eremus dachte nach.
Das allein hätte schon gereicht, um ihn zum Außenseiter zu machen. Doch es kam noch schlimmer: Eremus dachte nicht nur nach – er beobachtete.
Er sah die kleinen Veränderungen, die niemand bemerkte. Das unruhige Rascheln der Bäume. Das vibrierende Murmeln des Bodens. Die flackernden Schatten, die nicht zu den Wolken passten.
Und jedes Mal, wenn er eine Veränderung sah, tat er etwas, das das Dorf einstimmig als „sozial gefährlich“ einstufte: Er malte ein Schild.
🎨 Die Geburt eines Propheten
Das erste Zeichen, das Eremus je aufstellte, war eigentlich harmlos gewesen.
Darauf stand: „Achtung, Schlamm!“
Er stellte es auf, weil ein Kind ausgerutscht war und sich das Knie aufgeschlagen hatte. Eine nette, hilfreiche Geste, sollte man meinen.
Falsch. Die Dorfbewohner waren empört.
„Das ist Panikmache!“ rief eine Mutter, deren Kind vier Wochen lang humpelte.
„Der Schlamm war schon immer da!“ schimpfte ein alter Mann, der in seinem Leben nie etwas hinterfragt hatte – und stolz darauf war.
„Was mischt der sich ein?“ fragte die Bäckerin, die jeden Morgen die Hälfte ihrer Brötchen verbrannte und dies als Tradition verteidigte.
Eremus verstand nicht, warum alle so wütend waren. Er wollte doch nur helfen.
Doch im Dorf galt eine unausgesprochene Regel:
👉 Wer hilft, ist verdächtig. Wer warnt, ist Feind. Wer vorausschauend denkt, ist eine Katastrophe.
Die Dorfbewohner bevorzugten Probleme, die sie erst bemerkten, wenn sie ihnen ins Gesicht sprangen.
Oder sie auffraßen. Oder sie überfluteten. Oder sie verbrannten.
📢 Die Warnschilder eskalieren
Mit der Zeit wurde Eremus radikaler.
Aus „Achtung, Schlamm!“ wurde: „Achtung, rutschiger Schlamm!“
„Der Schlamm wird schlimmer!“
„HOLT DAS KIND DA WEG!“
„Gottverdammt, hört doch mal zu!“
„ICH HABE EUCH GEWARNT!“
Die Schilder wurden größer. Bunter. Dringlicher. Er stellte sie überall auf: am Flussufer, am Waldrand, vor den Häusern, auf dem Dorfplatz, sogar vor der Tür des Bürgermeisters
Die Menschen reagierten mit wachsender Irritation.
„Warum malt der so viele Schilder?“ „Hat der keine Hobbys?“ „Das sieht ja aus wie Kunst!“ „Kunst ist bei uns verboten, oder?“ „Ich glaube, Kunst gilt als Wetterphänomen, das von selbst weggeht.“
Die Beschwerden häuften sich. Manche Dorfbewohner forderten sogar ein „Warnschilderverbot“.
Andere sagten: „Lass ihn doch. Solange wir nicht drauf schauen, stört’s nicht.“
Eine Methode, die im Dorf als Konfliktlösung galt.
🕯️ Der Prophet, der keiner sein wollte
Eremus hatte nie vorgehabt, ein Prophet zu werden. Er hatte nie göttliche Stimmen gehört. Er wusste nicht einmal, ob er an Götter glaubte.
Er glaubte nur an eines:
👉 Wenn etwas Schlimmes passiert, ist es besser, es vorher zu sagen, als hinterher überrascht zu sein.
Eine Überzeugung so radikal, so unverzeihlich, so unverständlich, dass sie ihn in Untergangsruh zum Feind machte.
„Eremus“, sagte Bürgermeisterin Selbstgefäll eines Tages, „du verbreitest Unruhe.“
„Ich zeige nur, was ich sehe“, entgegnete er ruhig.
„Dann sieh weniger“, sagte sie.
„Aber die Warnzeichen…“
„Wir hatten noch nie eine Katastrophe!“
„Nur weil ihr nie hingeschaut habt!“
Sie schnaubte empört.
„Was ich nicht sehe, existiert nicht!“
Für einen Moment glaubte Eremus, ein Stern sei explodiert. Dann merkte er, dass es nur seine Hoffnung war.
🔥 Die Vorahnung
An jenem Abend, als die Sonne wieder in jenem seltsamen kupfernen Ton unterging, malte Eremus ein neues Schild.
Er malte langsam. Fein. Mit zitternder Hand. Als würde er wissen, dass dieses Schild anders war als die vorherigen.
Es war größer. Massiver. Fast so groß wie er selbst.
Es trug die Worte: **„ES KOMMT. ES IST NAH. BITTE HÖRT ZU.“**
Er stellte es mitten auf den Dorfplatz. Niemand las es. Alle gingen daran vorbei, wie an einem Gartenzwerg, der nicht dorthin gehörte.
Eremus seufzte. Er ahnte, dass es zu spät war – und dass dies erst der Anfang einer sehr langen Reihe von Katastrophen sein würde.
📖 Kapitel 3 – Flutwarnung (niemand muss es ernst nehmen)
Der Morgen, an dem die Flut beginnen sollte, wirkte wie jeder andere. Die Vögel sangen – oder vielmehr: versuchten zu singen, während sie gelegentlich husten mussten. Die Sonne schien – in einem seltsam diffusen Winkel, der aussah, als hätte sie sich beim Aufstehen den Rücken verrenkt. Der Fluss glitzerte – allerdings auf eine Art, die nicht beruhigend, sondern leicht drohend wirkte, als hätte das Wasser beschlossen, heute etwas zu wagen.
Eremus stand am Ufer und starrte auf die Oberfläche. Etwas stimmte nicht. Der Fluss war höher. Ein wenig. Kaum merklich.
Man hätte es leicht übersehen können. Die Dorfbewohner taten genau das.
Sie gingen über die kleine Holzbrücke, die schon seit Jahren knarzend signalisierte, dass sie dringend ersetzt werden müsste. Sie blickten nicht nach unten. Sie blickten nicht nach oben. Sie blickten höchstens auf ihre eigenen Füße, und selbst das nur, wenn sie über etwas stolperten.
Eremus seufzte. Dann malte er ein neues Schild. Er arbeitete schnell, mit ruhelosen Händen.
Schwarz. Groß. Unübersehbar. Er stellte es direkt vor der Brücke auf. Darauf stand:
„FLUTWARNUNG – BITTE BEACHTEN!“
Ein Mann ging daran vorbei, las es flüchtig und murmelte: „Beachten… ja ja… später.“
Eine Frau blieb kurz stehen, musterte das Schild, runzelte die Stirn – dann zückte sie ihren Schal, band ihn fester, als wäre das Schild ein Wetterbericht, und ging weiter.
Ein älterer Herr blieb stehen und sagte: „Früher hat der Fluss nicht gewarnt.“
„Früher war der Fluss kleiner“, antwortete Eremus.
Der Mann verzog das Gesicht. „Früher war alles kleiner.“
„Auch die Probleme“, sagte Eremus.
„Auch die Menschen“, sagte der Mann. „Und die Einsicht.“
Dann ging auch er weiter, ohne sich umzusehen.
🌊 Der Fluss beginnt zu sprechen
Der Fluss schwoll weiter an. Langsam. Bestimmt.
Die Oberfläche kräuselte sich in seltsamen Mustern, die aussahen, als würde das Wasser nervös werden. Einige Fische sprangen hektisch heraus – nicht, um zu atmen, sondern weil sie lieber in der Luft starben als im Wasser.
Eremus rannte ins Dorf, fuchtelte mit den Armen und schrie: „Der Fluss steigt! Wir müssen Sandsäcke holen! Wir müssen schnell handeln!“
Die Reaktionen waren erwartungsgemäß enttäuschend.
Der Schmied sagte: „Ich habe keine Zeit. Ich muss Dinge schmieden.“
Die Wirtin sagte: „Ich serviere gerade Frühstück.“
Ein Bauer sagte: „Es ist bestimmt nur Regen.“
„Es hat seit drei Wochen nicht geregnet!“, rief Eremus.
Der Bauer nickte. „Dann ist es alter Regen.“
Ein anderer mischte sich ein: „Oder neuer Regen.“
Der Schmied überlegte: „Vielleicht recycelter Regen.“
Einer der alten Männer am Brunnen sagte: „Ich habe gehört, der Fluss steigt nur, wenn man ihn beobachtet.“
Ein anderer ergänzte: „Ja! Ignorieren ist immer die beste Lösung.“
Bürgermeisterin Gerlinde Selbstgefäll trat aus dem Rathaus, in ihrem üblichen Zustand: perfekt frisiert und absolut überfordert. „Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragte sie.
„Flutwarnung!“, erklärte Eremus. „Der Fluss steigt bedrohlich!“
Sie winkte ab. Eine ihrer Lieblingsgesten, die jedes Problem in ihrer Vorstellung schrumpfen ließ – und in der Realität anschwellen. „Der Fluss macht das jedes Jahr.“
„Nein“, sagte Eremus.
„Doch“, sagte sie.
„Nein.“
„Doch.“
„NEIN!“
Gerlinde blinzelte. „Was weißt du denn? Bist du etwa ein Flussologe?“
„So etwas gibt es nicht!“
„Eben! Also weiß auch niemand, wie ein Fluss funktioniert!“
Die Dorfbewohner nickten zustimmend. Es ergab Sinn. In ihrer Welt ergab alles Sinn, solange es keine Mühe machte.
🌧️ Der Himmel zieht sich zusammen
Während das Dorf weiter diskutierte, zog sich der Himmel zusammen. Die Wolken wurden schwer, als würden sie beim Versuch, unbemerkt zu bleiben, aus Versehen einen Elefanten verschlucken. Der Fluss begann über die Ufer zu treten. Erst zaghaft. Dann entschlossen.
Eremus stellte sein zweites Schild des Tages auf. Wieder mitten im Dorf. Diesmal lautete es: „ES WIRD SCHLIMM.“
Ein Junge las es und kicherte. „Alles wird schlimm, Alter.“
Ein anderer sagte: „Haha, voll pessimistisch.“
Ein dritter: „Was heißt ‚schlimm‘ eigentlich?“
Niemand wusste es so genau. Die meisten hatten das Wort zuletzt benutzt, als ein Kuchen zu früh aus dem Ofen genommen wurde.
🛑 Der Punkt, an dem es ernst wird (aber niemand es merkt)
Plötzlich hörte man einen fernen, tiefen Knall. Wie ein dumpfes Trommeln. Wie etwas, das bricht. Es war der Damm oberhalb des Dorfes.
Eremus erstarrte. Dann rannte er los. Er schrie. Er wedelte. Er flehte. „LAUFT!!! DER DAMM IST GEBROCHEN! EINE FLUT KOMMT! RÄUMT EUER ZUHAUSE! JETZT!!!“
Die Dorfbewohner reagierten sofort. Und geschlossen. Mit der Souveränität und Reife eines fünfjährigen Kindes vor dem Brokkoliteller.
„Übertreib nicht!“ „Der Damm ist seit Jahren stabil!“ „Wenn er gebrochen wäre, hätte man es doch gehört!“ „Wir haben es gehört…“ „Ja, aber man weiß ja nie.“ „Vielleicht war es nur ein Vogel.“ „Ein großer Vogel.“ „Ein explodierender, großer Vogel.“
Eremus schnappte nach Luft. „BITTE! ES IST KEIN VOGEL!“
Bürgermeisterin Selbstgefäll lächelte müde. „Eremus, du machst wieder Theater.“
„ES IST WEDER THEATER NOCH KUNST!!!“
„Ach soo…“ Sie nickte. Der Fall war für sie erledigt.
🌊 Der erste Wasserstoß
Und dann kam das Wasser.
Nicht als Rinnsal. Nicht als Welle. Sondern wie ein ungeduldiges Monster, das endlich durchbrechen durfte.
Ein gewaltiger Schwall stürzte das Tal hinunter. Er riss Erde mit. Steine. Äste. Alles, was im Weg stand. Und viel, was nicht im Weg stand.
Eremus schrie. Er lief. Er winkte. Er warnte.
Und das Dorf tat, was es immer tat: 👉 erst reagieren, 👉 wenn es schon zu spät ist.
Das Wasser erreichte die ersten Häuser.
Jemand rief: „OH! FLUT!“
Ein anderer schrie: „WARUM HAT UNS NIEMAND GEWARNT?!“
Eremus stand mitten im Chaos und schloss die Augen. Er wollte lachen. Oder weinen. Oder schreien. Stattdessen flüsterte er: „Ich habe euch gewarnt…“
📖 Kapitel 4 – Das steigende Wasser und die sinkende Aufmerksamkeit
Das Wasser rauschte durch das Dorf wie ein entfesseltes Tier, das viel zu lange in einem viel zu kleinen Käfig gehalten worden war. Häuser erzitterten, Mauern knackten, Türen sprangen auf wie vor Schreck. Der Fluss hatte keine Lust mehr, brav zwischen seinen Ufern zu bleiben. Heute wollte er spielen. Und Untergangsruh wurde sein Spielzeug.
Die ersten Schreie hallten durch die Straßen. Manche schrien aus Angst. Andere aus Überraschung. Wieder andere, weil sie dachten, man müsse schreien, wenn andere schreien.
Die Dorfbewohner waren wie immer vorbildlich unkoordiniert.
„Wasser!“, brüllte jemand.
„Wo?“, fragte ein anderer, während er knietief darin stand.
„WAS SOLLEN WIR TUN?!“, schrie eine Frau.
„Keine Ahnung!“, schrie ein Mann zurück. „Ich mach einfach das nach, was du machst!“
„Ich mache nichts!“
„Dann mach ich auch nichts!“
Und so tat die eine Hälfte des Dorfes nichts. Die andere Hälfte rannte in Panik im Kreis herum, was ebenfalls nichts brachte, aber immerhin mehr Bewegung ins Geschehen brachte.
🌊 Der Prophet im Strudel
Eremus kämpfte sich durch das eisige Wasser, keuchend, strauchelnd, fest entschlossen, wenigstens ein paar Leben zu retten.
„In die Hügel!“, brüllte er. „Lauft zu den Hügeln! Hoch! RAUF! LOS!“
Einige hörten ihn tatsächlich. Aber sie interpretierten seine Worte auf ihre eigene, sehr kreative Weise. Eine Frau rannte los und stellte sich auf einen Stuhl. Ein Mann kletterte auf einen großen Stein, der komplett im Wasser stand. Zwei Kinder versuchten, „Hügel“ zu googeln – vergeblich, denn das Internet war längst ausgefallen.
Ein alter Mann hob den Blick, sah den Hügel am Rand des Dorfes – und ging stattdessen in die entgegengesetzte Richtung.
„Warum!?“, schrie Eremus ihm hinterher.
„Weil alle dahinlaufen!“, rief er zurück. „Ich vertraue der Mehrheit!“
Die Mehrheit bestand derzeit aus Menschen, die sich gegenseitig anschrien, hüfttief im Wasser standen und sich darüber stritten, ob Wasser eigentlich nass sei.
💧 Die sinkende Aufmerksamkeitsspanne
Mit dem steigenden Wasserpegel sank gleichzeitig die Aufmerksamkeitsspanne des Dorfes. Ein eigenartiges Phänomen, das den Wissenschaftlern – wenn es denn welche gegeben hätte – sicherlich eine Studie wert gewesen wäre. Aber Untergangsruh hatte keine Wissenschaftler. Nur Menschen, die von einem Problem zum nächsten sprangen wie betrunkene Frösche.
„Das Wasser ist kalt!“, rief jemand.
„Warum sind meine Schuhe nass?!“, rief ein anderer.
„Ich habe Hunger!“, rief ein Dritter.
Als wäre Hunger die größte Bedrohung mitten in einer Flut.
Bürgermeisterin Selbstgefäll stand auf einer kleinen Anhöhe, die noch nicht überschwemmt war, und hielt sich den Kopf. „Warum… warum passiert das ausgerechnet uns?“, jammerte sie.
„Weil wir im Tal leben!“, schrie Eremus.
„Weil der Damm gebrochen ist!“
„Weil ich euch gewarnt habe!“
„Weil -“
„Jetzt mach mir keine Vorwürfe!“, unterbrach sie ihn empört. „Das ist unhöflich!“ Sie stemmte die Hände in die Hüften, während hinter ihr ein Schuppen langsam davontrieb.
🌧️ Die erste richtige Welle
Dann kam sie.
Die große Welle. Nicht riesig wie ein Tsunami, aber gewaltig genug, um das chaotische Dorf endgültig in ein nasses Durcheinander zu verwandeln.
Sie traf mit einem dumpfen Krachen auf die Häuser, schleuderte Gegenstände in die Luft, riss Hühner mit, die protestierend gackerten, als hätte man sie zu früh aus dem Schlaf geholt.
Ein Wagen wurde seitwärts gedreht. Ein Baum stürzte um. Ein Zaun verschwand klirrend im Schaum.
Eremus klammerte sich an einen Pfosten und schrie erneut:
„HOCH! AUF DEN HÜGEL! AUF DEN HÜ-“
Eine zweite, kleinere Welle schlug ihm ins Gesicht und verschluckte den Rest seiner Worte.
Er kämpfte sich hoch. Er sah, wie die Dorfbewohner endlich – endlich! – begriffen, dass es ernst war.
Und dann sah er auch, wie sie völlig falsch reagierten. Viele liefen nicht zum Hügel, sondern zu ihren Häusern zurück.
„Ich muss meine Schuhe holen!“
„Meine Töpfe!“
„Meine Katze!“
„Meine fünf Töpfe!“
„Mein Brot!“
„Mein Aquarium!“
„Meine Fenster!“
Eremus wollte verzweifelt heulen.
🪤 Die Falle der Sentimentalität
Wenn Menschen im Angesicht einer Katastrophe etwas retten wollen, dann leider selten sich selbst – sondern fast immer Dinge.
Das war eine traurige Wahrheit, die Eremus bei jeder Katastrophe wieder beobachtete.
Gegenstände waren berechenbarer als Menschen. Sie waren leichter zu verstehen. Sie stellten keine Fragen. Sie widersprachen nicht. Sie verließen einen nicht.
Also rannten die Menschen, von instinktloser Sentimentalität gepackt, zurück in ihre Häuser, obwohl das Wasser ihnen bereits bis zum Bauch reichte.
Ein Mann schob sich durch das Wasser, um eine Vase zu retten.
„Das ist wertvoll!“, schrie er.
Eremus rief zurück: „DU BIST WERTVOLL!“
Der Mann rief: „Ja, aber die Vase war teuer!“
Ein Mädchen lief zurück, um ihr Kuscheltier zu holen.
„Ich brauch es zum Schlafen!“
„DU BRAUCHST ZUM ÜBERLEBEN WENIGER!“, rief Eremus.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“
Und verschwand im Haus.
🌊 Und der Wasserstand stieg…
Binnen zehn Minuten war das halbe Dorf überschwemmt. Die Brücke war verschwunden. Der Dorfplatz ein See. Die Straßen reißende Ströme.
Doch obwohl die Katastrophe von allen Seiten schrie: „Lauf! Rette dich!“
…schrie die Aufmerksamkeit der Menschen lauter: „Aber zuerst meine Sachen!“
Eremus stand im Wasser, das ihm nun bis zur Hüfte reichte, und wusste: Das Schlimmste war noch nicht einmal das Wasser. Das Schlimmste war das Denken der Menschen. Oder vielmehr: das Nichtdenken.
📖 Kapitel 5 – Feuer im Wald (aber nein, bestimmt nicht hier)
Während das Wasser durch Untergangsruh schoss wie ein wütender Flussgott, der einen schlechten Tag hatte, bereitete sich im angrenzenden Wald bereits die nächste Katastrophe vor. Es war, als hätte die Natur beschlossen, ein Doppelkonzert zu spielen – Flut im ersten Akt, Feuer im zweiten – und das Publikum bestand aus Menschen, die keine Ahnung hatten, dass sie in der ersten Reihe saßen.
🌲 Der Wald flüstert wieder – aber keiner hört zu
Der Wald hinter Untergangsruh war alt. Alt wie die Geschichten, die niemand kannte. Alt wie die Warnungen, die niemand ernst nahm.
Die Bäume hatten schon vieles erlebt:
- Dürre
- Hitze
- Kälte
- Stürme
und ab und zu ein verlorenes Schaf, das nie wieder jemand sah.
Doch diesmal war etwas anders. Die Äste hingen schlaff. Das Laub raschelte unruhig. Der Boden war trocken wie Zunder.
Eremus spürte es, als er sich durch das Wasser kämpfte, das nun bis zu seinem Brustkorb reichte. Er roch den Wald. Oder vielmehr: Er roch das, was bald der Wald sein würde. Er blieb stehen, keuchend, und hob den Kopf.
Eine Bö rieb über die Baumwipfel. Ein Hauch, der roch wie Hitze. Wie Glut. Wie Ärger.
„Nicht jetzt“, flüsterte Eremus. „Bitte nicht auch noch jetzt.“
Der Wald antwortete mit einem leisen Knistern.
🔥 Der erste Funke
Niemand weiß genau, wo der Funke herkam.
Vielleicht war es die Sonne, die seit Tagen auf die trockenen Kronen brannte. Vielleicht war es ein Ast, der sich zu stark an einem anderen rieb. Vielleicht war es ein Vogel mit einer leicht übertriebenen Tagesenergie. Oder einfach nur Pech.
Aber irgendwann, zwischen den raschelnden Blättern und der vibrierenden Luft, geschah es.
Klick. Fffft. Zisch.
Ein kleines Glühen. Kaum größer als ein Feuerzeug. Unsichtbar für alle, die ständig wegschauen.
Der Wald sog scharf die Luft ein – und die Flamme sprang über.
🔥 Die Flamme wächst… und wird ignoriert
Ein Reh rannte panisch aus dem Wald. Die Dorfbewohner registrierten es nicht. Schließlich hatten sie gerade andere Probleme.
Ein Vogel flog auf, mit verkokelten Schwanzfedern. Niemand sah es. Niemand wollte es sehen. Eine dünne Rauchsäule stieg zwischen den Bäumen auf.
Ein älterer Mann auf dem Hügel sah sie kurz, kratzte sich am Kopf und sagte: „Sieht nach Wetter aus.“
Eine Frau daneben nickte. „Das ist kein Rauch, das ist nur warme Luft.“
Ein anderer meinte: „Vielleicht kocht jemand.“
„Im Wald?“
„Vielleicht ein Förster.“
„Wir haben keinen Förster.“
„Dann vielleicht jemand anderes.“
„Warum sollte jemand im Wald kochen?“
Der Mann zuckte die Schultern. „Warum sollte es brennen?“
Damit war die Angelegenheit umfassend und abschließend geklärt – wie immer im Dorf: 👉 Diskussion beendet, Logik besiegt.
🔥 Eremus sieht es zuerst
Während Eremus sich an einem der wenigen verbliebenen, noch nicht abgebrochenen Zäune festhielt, sah er es klar:
Eine orange Zunge, die sich zwischen zwei Baumstämmen hindurchschob. Dann zwei. Dann drei. Dann eine kleine Wand aus hellem Feuer, die sich langsam, aber unaufhaltsam erhob.
Die Flut tobte unten. Das Feuer lauerte hinten. Die Menschen standen dazwischen und diskutierten über Lampenölpreise.
„NEIN!“, rief Eremus. „Nicht das auch noch!“
Wasser bis zur Taille. Feuer hinter dem Rücken.
Es war die perfekte Metapher für die Menschheit:
Ertrinken oder verbrennen – aber niemals zwischendrin den Kopf einschalten.
🧯 Der Versuch, zu warnen
Eremus schrie: „FEUER! IM WALD!“
Die Reaktion war überwältigend banal.
„Feuer? Hier?“ „Das ist doch nass!“ „Im Wald brennt es nicht, wenn es regnet.“ „Es regnet nicht!“ „Ja eben!“
Ein besonders selbstbewusster Dorfbewohner rief: „Wenn es wirklich brennen würde, wäre es wärmer.“
Er streckte die Hand in die Luft. Fühlte nichts. Schüttelte den Kopf.
„Kalt. Kein Feuer.“
Hinter ihm fiel ein brennender Ast ins Wasser und zischte bedrohlich. Der Mann drehte sich nicht einmal um.
🔥 Die doppelte Katastrophe
Der Wind frischte auf. Das Feuer bekam Luft. Es breitete sich aus wie eine Idee, die niemand will, aber jeder weiterträgt.
Die Flammen kletterten höher. Sie fraßen trockene Zweige. Sie leckten an Baumstämmen. Sie warfen rote Schatten über das Tal.
Und dann trafen Wasser und Feuer aufeinander – nicht, um sich gegenseitig zu besiegen, sondern um das Dorf gemeinsam zu terrorisieren.
Der Rauch mischte sich mit dem Dunst der Flut. Ein stechender Geruch breitete sich aus. Die Luft wurde dick und schwer. Menschen husteten.
Also lautete ihr logischer Schluss: „Ich glaube, ich werde krank.“
Nicht: „Ich glaube, wir sterben.“
Nein, nein.
Krankwerden ist ein Problem, Sterben ist Statistik.
🔥 Bürgermeisterin Selbstgefälls brillante Einsicht
Gerlinde Selbstgefäll stand auf einem großen Stein, ihr Kostüm durchnässt, ihr Gesicht fassungslos. Sie rief: „Eremus! Warum passiert das alles auf einmal?!“
Er starrte sie ungläubig an. „Weil ihr NIE etwas dagegen tut!“
Sie runzelte die Stirn. „Du meinst… wir hätten… vorher etwas tun müssen?“
„JA!“
„Mhm… schwierig.“
Und damit war auch diese Erkenntnis in den Fluten der Dummheit untergegangen.
🔥 Das Kapitel schließt sich
Der Wald begann lichterloh zu brennen. Das Dorf begann schneller zu fluten. Und Eremus begriff: 👉 Dies war erst der Anfang. Die Natur hatte Geduld. Die Menschen hatten Ausreden. Und zwischen diesen beiden Kräften stand ein Dorf, das nicht einmal wusste, dass es existierte.
📖 Kapitel 6 – Der Funke, der nicht hätte zünden dürfen
Das Feuer im Wald begann als schüchternes Flüstern. Ein zögerliches Knistern, wie ein Schüler, der sich nicht traut, sich zu melden. Ein leiser Hinweis, ein kleines Räuspern der Natur. Doch wie so oft, wenn die Welt versuchte, sich bemerkbar zu machen, war Untergangsruh gerade zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Der Funke hätte nie zur Flamme werden dürfen. Nicht heute. Nicht jetzt. Nicht bei dieser Feuchtigkeit, nicht bei dieser Situation, nicht bei diesem sowieso schon halb ertrinkenden Dorf. Aber der Funke hatte Ambitionen. Er war entschlossen, sich durchzusetzen – etwas, das die Dorfbewohner nie geschafft hatten.
🔥 Der Moment der Entscheidung
Ein einzelner Ast glühte schwach. Dann sprang die Flamme über – zuerst klein, zart, unsicher. Doch der Wind blies sie an wie eine übermotivierte Mutter, die ihr Kind auf die Bühne schiebt.
Die Flamme jauchzte. Sie wuchs. Sie breitete sich aus.
Zuerst an einem Baumstamm, dann am Gestrüpp darunter, dann am Laub, dann am trockenen Gras, das die Dorfbewohner im Sommer nicht hatten mähen wollen, weil „die Natur das schon selbst regelt“. Das tat sie nun. Auf ihre Weise.
🌬️ Der Wind – Komplize des Chaos
Der Wind wehte, wie der Wind in Katastrophen eben weht: falsch gerichtet, zur falschen Zeit, mit der falschen Stärke, ohne Rücksicht auf Verluste.
Er trug die Funken meterweit, schleuderte sie über die Baumwipfel hinweg und pustete sie genau an die Stellen, an denen der Wald am trockensten war.
Es war fast kunstvoll. Man könnte meinen, die Natur wollte ein Muster zeichnen. Ein Muster aus Feuer.
🌲 Der Wald erwacht – und er ist schlecht gelaunt
Was als kleiner Glühpunkt begann, entwickelte sich in wenigen Minuten zu einer brüllenden Feuersäule. Die Bäume knisterten erbost, als würden sie sich fragen, warum Menschen so stur seien und warum sie jahrhundertelang zugesehen hatten, wie alles ruiniert wurde.
Eremus hörte das Brüllen des Feuers, auch wenn niemand sonst es hören wollte.
Er rief: „FEUER! Es breitet sich aus!“
Ein Mann, bis zur Brust im Wasser, winkte ab. „Ist egal! Wir sind ja nass!“
Eine Frau, die ihre Schuhe über dem Kopf hielt, rief zurück: „Feuer steigt! Wasser sinkt! Das gleicht sich aus!“
Eremus blinzelte. Er brauchte einen Moment, um den Satz zu verarbeiten. Oder überhaupt zu verstehen, wie man auf so etwas kommen konnte.
„Das ist nicht… das ist nicht… irgendwie… nein!“, stammelte er.
„Doch!“, rief die Frau fröhlich und verlor dabei einen Schuh, der langsam davontrieb.
🔥 Das Feuer erreicht das Flussufer
Die Flammen fraßen sich durch das Unterholz, rannten den Hang hinunter wie ein Rudel aufgebrachter Tiere, und trafen schließlich auf das aufgeschwemmte Ufer des Dorfes. Dort geschah etwas Seltsames. Man sollte meinen, Feuer und Wasser würden sich prügeln, wie Streitkräfte zweier verfeindeter Elemente.
Aber nein. Das Feuer zischte kurz, grübelte, fauchte beleidigt – und suchte sich einen anderen Weg. Es war erstaunlich flexibel, ganz im Gegensatz zu den Dorfbewohnern.
Die Flammen sprangen auf einen umgestürzten Baumstamm, rollten an ihm entlang wie ein Jongleur mit brennenden Bällen und setzten den trockenen Zaun gegenüber in Brand. Der Zaun brannte mit der Hingabe eines Talentshow-Teilnehmers, der es endlich auf die Bühne geschafft hat.
🧯 Ein Löscheimer und drei Probleme
Ein Mann tauchte mit einem Eimer auf. Er war nass bis zur Nasenspitze, jammerte über sein verlorenes Werkzeug und füllte den Eimer mit Flutwasser.
„Ich lösch das!“, sagte er entschlossen.
Eremus war für einen Moment voller Hoffnung.
Der Mann stapfte zum brennenden Zaun, schwang den Eimer – und kippte das Wasser daneben.
„Upps“, sagte er.
„DU HAST NEBEN DEN ZAUN GEKIPPT!“, schrie Eremus.
Der Mann runzelte die Stirn. „Ja… aber das Zaunwasser fließt bestimmt rüber.“
„ES IST PFLASTERSTEIN!!!“
Der Mann zuckte mit den Schultern. „Mein Gott, sei doch nicht so kleinlich.“
🔥 Die kombinierte Apokalypse
Innerhalb von Minuten standen nun drei Dinge gleichzeitig in Flammen:
- der Wald
- der Zaun
- die letzten Nerven von Eremus
Das Feuer spiegelte sich im steigenden Wasser, das Wasser reflektierte das Feuer, und die Mischung aus Rauch, Dampf und Angst hing wie ein schlecht erzogener Geist über dem Dorf.
Die Dorfbewohner drehten sich im Kreis, suchten nach Dingen, die sie retten konnten, schrieen durcheinander und taten nichts, was wirklich half.
Bürgermeisterin Selbstgefäll versuchte verzweifelt, mit einer einzigen Handbewegung die Katastrophe zu managen.
„Leute! Beruhigt euch! Wir beobachten die Lage!“
Eremus rief: „Es gibt keine Lage mehr! Es gibt nur noch Naturgewalten!!!“
„Dann beobachten wir eben die Naturgewalten!“, rief sie zurück.
„DU BIST WAHNSINNIG!“
„ICH BIN GEWÄHLT!“
Und irgendwie war das schlimmer.
🌑 Das Kapitel endet… die Katastrophe nicht
Der Funke, der nie hätte zünden dürfen, hatte sich inzwischen zu einem wütenden Inferno entwickelt. Feuer oben. Wasser unten. Menschen mittendrin.
Und Eremus wusste:
👉 Das war nicht der Höhepunkt. Nicht mal annähernd.
Das war erst der Mittagssnack der Natur.
📖 Kapitel 7 – Ignoranz bis zum letzten Atemzug
Untergangsruh stand im Wasser. Der Wald brannte. Die Luft roch nach Rauch, Stress und Verdrängung. Die Dorfbewohner wankten durch die Fluten wie Betrunkene, die nicht verstehen konnten, warum der Boden so nass war.
Man könnte meinen, die Menschen würden in diesem Moment die Dringlichkeit der Lage begreifen. Dass sie Panik bekommen. Dass sie rennen. Dass sie handeln.
Aber nein. Die Dorfbewohner von Untergangsruh verfielen in ihre altbewährte Tradition:
👉 Sie redeten. 👉 Sie verdrängten. 👉 Sie diskutierten Unsinn.
Es war beeindruckend. Oder erschreckend. Oder beides.
🤦♂️ Die Gesprächskultur eines sterbenden Dorfes
Ein Mann, der bis zur Brust im Wasser stand, rief: „Ich glaube, es kommt mehr Wasser!“
Eremus schlug sich die Hand vors Gesicht. „Natürlich kommt mehr Wasser! Es ist eine Flut!“
„Ach so.“ Der Mann nickte langsam, als hätte er gerade eine wissenschaftliche Entdeckung gemacht.
Eine Frau wrang ihr Kleid aus und fragte: „Was sollen wir tun?“
„Raus aus dem Wasser! Auf den Hügel!“, rief Eremus.
„Welcher Hügel?“
„Der einzige Hügel weit und breit!“
„Ach der? Der ist so weit weg…“
Ein alter Mann schimpfte in einer Stimme, die so dünn war wie sein Haar: „Das ist alles übertrieben! Vor fünfzig Jahren hatten wir auch mal Wasser im Keller!“
„Es war ein tropfender Eimer“, murmelte jemand.
„JA! Und den haben wir auch überlebt!“
🧠 Die Psychologie der letzten Dummheit
Eremus paddelte verzweifelt durch das brusttiefe Wasser.
„HÖRT MIR ZU!“, brüllte er. „Das hier ist ernst! Das hier ist gefährlich! Wir müssen uns retten! JETZT!“
Die Dorfbewohner blieben stehen. Alle starrten ihn an.
Für einen Moment – einen kurzen, magischen Moment – dachte Eremus, dass sie es endlich verstanden hatten.
Doch dann sagte die Bürgermeisterin: „Eremus… wir schätzen ja, was du tust…“
„Danke“, sagte er erleichtert.
„…aber du bist so negativ.“
Er blinzelte. „Negativ!? Das ist eine Flut! Sie IST negativ!“
„Du musst das positiver sehen.“
„POSITIV!? WIE!? Die halbe Stadt steht unter Wasser!“
„Es ist… äh… natürlich!“
Ein Dorfbewohner mischte sich ein: „Genau! Natürliche natürliche Natur.“
Ein anderer: „Das Wasser will uns bestimmt nur helfen.“
„WIE SOLL ES UNS HELFEN!?“
Ein Dritter sagte stolz: „Es löscht das Feuer.“
Eremus krümmte sich, als hätte ihn ein unsichtbarer Blitz getroffen. „Das Feuer ist am WALD! Das Wasser ist im DORF!“
Der Mann zuckte mit den Schultern. „Ja… aber wenn man es einfach mischt…“
💬 Die letzte Diskussion vor dem Untergang
Die Dorfbewohner bildeten einen Kreis um Eremus herum, als wollten sie einen Stammtisch organisieren – im Wasser.
„Ich finde, wir sollten abstimmen“, sagte die Bürgermeisterin.
„Über was!?“, fragte Eremus entgeistert.
„Ob wir fliehen sollen.“
„Es ist keine Frage, OB! Es ist eine Frage, WANN!“
„Wir sollten demokratisch entscheiden.“
„NEIN! NICHT JETZT!“
Die Frau lächelte. „Doch. Demokratie ist wichtig.“
„WIR STERBEN!!!“
„Dann stimmen wir eben schneller ab!“
Eremus starrte sie an, als würde er ein fremdes Lebewesen beobachten. „Ihr seid… ihr seid…“ Er suchte nach dem Wort. Er fand es nicht. Denn es gab keins, das all das zusammenfasste:
- Dummheit
- Ignoranz
- Verdrängung
- Sturheit
- Sentimentalität
- Unfähigkeit
- und absurden Optimismus
„…ihr seid UNMÖGLICH!“
„Das ist verletzend“, sagte die Bürgermeisterin.
„Das hier ist verletzend!!!“, schrie Eremus und zeigte auf eine brennende Baumkrone, die ins Wasser fiel und dampfte wie ein wütender Drache.
„Bitte mäßige deinen Ton“, sagte die Bürgermeisterin.
🚨 Der Moment der Erkenntnis – der keiner ist
Als die nächste Welle heranrollte, hoch, brausend, fauchend, schienen die Dorfbewohner endlich aufzuwachen.
„AH!“, rief eine Frau. „DAS IST WASSER!“
„Jetzt NEU?“, fragte ihr Mann.
„NEIN! DAS ANDERE WASSER!“
Die Welle traf mit voller Kraft. Sie riss alles um. Menschen, Möbel, Hoffnung, und das letzte bisschen Geduld von Eremus. Er klammerte sich an ein Schild, das er vor Monaten aufgestellt hatte. Darauf stand:
„ACHTUNG: ÜBERSCHWEMMUNGSGEFAHR“
Er sah es an. Er lachte bitter. Er weinte beinahe.
„Ich habe es euch gesagt…“, murmelte er.
Doch das Rauschen des Wassers verschluckte seine Worte.
💀 Ignoranz bis zum letzten Atemzug
Als das Wasser weiter stieg und die Menschen schwammen, kreischten oder weiter diskutierten, begriff Eremus eine letzte Wahrheit: Die meisten Dorfbewohner starben nicht, weil sie nicht konnten.
Sie starben, weil sie gedacht hatten, es betrifft sie nicht. Das Wasser ertränkte sie. Aber ihre Ignoranz hatte sie längst erdrückt.
📖 Kapitel 8 – Der Meteor, der keine Chance hatte ignoriert zu werden
Die Flut tobte. Der Wald brannte. Der Rauch vermischte sich mit dem Dampf, und der Himmel über Untergangsruh war ein chaotisches Gemälde aus Grau, Orange und völliger Verzweiflung.
Es war ein Spektakel, wie man es nur selten sah – ein Ereignis, das selbst den trotzigsten Optimisten hätte überzeugen müssen, dass irgendetwas, irgendwo, irgendwie gewaltig schief lief.
Aber Untergangsruh wäre nicht Untergangsruh gewesen, wenn es nicht selbst jetzt versucht hätte, alles für einen normalen Tag zu halten.
„Es ist nur Wetter!“, rief ein Mann, während ein brennender Ast neben ihm in den Fluten versank.
„Wir hatten schon schlimmere Sommer!“, rief eine Frau, die auf einem Fass trieb wie ein Pirat der Naivität.
„Ich glaube, das legt sich gleich wieder“, sagte ein dritter Dorfbewohner. Dann wurde er von einer Welle getroffen und verschwand für einen Moment unter Wasser.
Und doch geschah nun etwas, das selbst für Untergangsruh zu viel war.
Etwas, das man nicht ignorieren konnte. Etwas, das keine Diskussionen, keine Abstimmungen, keine Ausreden und keinen Schönredner mehr zuließ.
Etwas, das nicht aus der Welt zu reden war. Denn der Himmel begann zu leuchten.
🌠 Der erste Lichtstreifen
Es begann als dünner, silbriger Strich. Ein Funken am Firmament. Ein Glühen, das heller wurde, als würde der Himmel selbst versuchen, einen Hilferuf zu senden.
Eremus sah es sofort. Er hatte seine Warnschilder verloren, er hatte seine Stimme verloren, er hatte fast seinen Verstand verloren – aber seine Wachsamkeit blieb. Sein Kopf fuhr hoch. Seine Augen weiteten sich.
Nein, dachte er. Nicht das. Nicht jetzt. Bitte nicht jetzt. Doch der Himmel hörte nicht auf ihn. Der Himmel hatte seine eigenen Pläne.
🌠 Der Meteor zeigt sich
Der Lichtpunkt wuchs. Er zog einen brennenden Schweif hinter sich her, so lang wie das ganze Dorf, so hell wie ein zweiter Tag, so unausweichlich wie die Ignoranz der Bewohner selbst.
Ein tiefes Grollen fuhr durch die Luft. Erst fern, kaum hörbar, wie ein Magenknurren der Atmosphäre.
Dann lauter. Stärker. Wuchtiger.
Der Meteor glühte nun wie ein zorniger Stern, der aus Versehen den falschen Weg genommen hatte und nun auf direktem Kurs Richtung Untergangsruh raste.
😲 Die Reaktion des Dorfes: Logisch wie immer
Die Dorfbewohner starrten nach oben.
Einige klatschten. Andere filmten. Ein paar hielten das Handy falsch herum.
„Schau mal! Eine Sternschnuppe!“, rief ein kleines Mädchen fröhlich.
„Das ist aber eine große“, meinte der Vater, ohne jemals ein Gefühl namens „Panik“ gespürt zu haben.
„Dürfen wir uns was wünschen?“, fragte die Tochter.
„Wünsch dir was Schönes!“, sagte der Vater.
Eremus schrie: „DAS IST KEINE STERNSCHNUPPE! DAS IST EIN METEOR!!!“
Ein Mann drehte sich zu ihm um.
„Du und deine Spezialwörter…“
🌠 Der Himmel beginnt zu donnern
Das Grollen wurde lauter, sodass es sogar die lautesten Stimmen im Dorf übertönte. Einige Dorfbewohner hielten die Ohren zu.
Einige fragten, ob das „von der Flut kommt“.
Andere hielten es für das Geräusch eines besonders wütenden Waschbären.
Eremus brüllte: „LAUFT!!! LAUFT!!!“
„Wohin?“, fragte jemand.
„EGAL WOHIN! WEG VON HIER!“
„Aber wie sollen wir laufen, wenn alles unter Wasser steht!?“
„DANN SCHWIMMT!“
„Ich kann nicht schwimmen!“
„DANN TREIB!!!“
Doch die wenigen, die seinen Rat hören wollten, kamen nicht weit. Der Boden bebte. Die Luft vibrierte. Das Wasser kräuselte sich.
Die Natur hielt den Atem an.
🌠 Das Unvermeidliche
Der Meteor durchbrach die Wolkendecke. Feuer umhüllte ihn. Eine Flammenfahne zog über den Himmel.
Die Hitze war schon zu spüren. Das Licht blendete. Das Dröhnen war ohrenbetäubend.
Die Dorfbewohner standen still, zum ersten Mal in ihrem Leben stumm vor Erkenntnis.
Ein Mann flüsterte: „Das sieht nicht gut aus.“
Eine Frau hauchte: „Das ist sicher harmlos… oder?“
Gerlinde Selbstgefäll murmelte: „Vielleicht geht es vorbei…“
Eremus schüttelte den Kopf. „Nicht alles geht vorbei“, flüsterte er. „Manches kommt.“
💥 Der Einschlag
Der Meteor schlug ein.
Nicht mitten im Dorf – sondern ganz nah genug, um alles zu beenden.
Eine blendend helle Explosion verwandelte den Himmel in ein Meer aus weißem Feuer. Eine Druckwelle raste über das Tal. Sie schob das Wasser zurück. Schleuderte brennende Bäume fort. Hob Dächer ab. Schmetterte Türen auf.
Und fegte die Dorfbewohner um, als wären sie aus Papier.
Eine Wand aus Luft und Staub und Licht brach über Untergangsruh herein.
Eremus wurde zu Boden gerissen. Er klammerte sich an einen umgestürzten Balken, der sich anfühlte wie die letzte Erinnerung der Welt.
Und im Toben der Energie hörte er nur ein Flüstern: „Ich habe es euch gesagt…“
☠️ Das Ende eines Dorfes
Als die Druckwelle sich legte und die Luft wieder atmen konnte, war Untergangsruh verschwunden. Nichts war übrig außer: ein Krater, verkohlte Erde, verkohlte Träume, und ein einziger überlebender Mann
Eremus stand auf, zitternd, erschöpft, einsam. Er schaute in die Leere, in der sein Dorf gewesen war. Und er wusste: 👉 Dies war nicht das Ende. 👉 Es war erst der erste Akt.
🕯️ Kapitel 9 – Die Auslöschung eines Dorfes
Niemand bemerkte den Beginn.
Das Dorf hatte schon viel nicht bemerkt – aber dieses Mal war es endgültig. Der Himmel über ihnen war ein einziges, gewaltiges, brennendes „Ich habe euch gewarnt, aber bitte, lasst euch nicht stören“.
Der Meteor zog seine Spur wie ein zorniger Gott, der schlechte Laune und keine Geduld hat.
Die Menschen im Dorf taten, was sie am besten konnten: Sie ignorierten.
Der Dorfälteste sah nach oben. „Ach, das ist sicher nur ein atmosphärisches Phänomen.“
Die junge Mutter hob ihr Kind hoch. „Sieh mal, Schatz, ein Sternschnuppenmarathon! Wünsch dir was.“
Der Schmied spuckte auf den Boden. „Vielleicht Crash-Marketing von dieser neuen Sekte.“
Und der Prophet – der Einzige, der seit Tagen brüllte: „Lauft! Rettet euch! Wasser! Feuer! Stein! TOD!“ – gerade wegen „Weltuntergangsbelästigung“ festgenommen.
Der Polizist meinte: „Es gibt Regeln. Selbst der Weltuntergang braucht ein Formular.“
Dann wurde es hell. Zu hell. Ein Licht, das keine Schatten kennt, weil es alles frisst.
Als der Meteor einschlug, hörte die Welt für einen Moment auf zu denken.
Ein paar Millisekunden Pause, ein kosmisches Schulterzucken: „Na gut, dann eben so.“
Das Dorf hatte keine Zeit für Dramatik. Es wurde nicht langsam zerstört, nicht heroisch, nicht tragisch – es wurde beendet.
Als hätte jemand in einem schlechten Computerspiel auf „Speicherstand löschen“ geklickt.
Ein Schlag. Ein Ton, der nie zu Ende klingt. Ein Licht, das nie wiederkommt. Und dann: Stille.
Aus der Asche, der Hitze und dem Ende blieb nur einer bestehen. Nicht, weil er wollte. Nicht, weil er musste. Sondern weil die Welt ihn – auf merkwürdige, unbequeme Weise – übriggelassen hatte.
Eremus stand dort, zwischen dem Nichts, das einmal Menschen gewesen war. Er sah auf seine Hände, als hätte er sie nie zuvor gesehen. Als wären sie plötzlich zu schwer geworden. Der Wind brachte den Geruch des Endgültigen.
Und Eremus flüsterte, nicht zu Gott, nicht zu sich selbst – sondern zur Leere: „Dann… bin ich wohl dran.“
Nichts antwortete ihm. Zum ersten Mal hörte er das Schweigen der Welt. Und zum ersten Mal begrüßte die Welt sein Schweigen zurück.
Der Himmel – endlich wieder frei von menschlichem Lärm – wirkte fast erleichtert. So endet das Dorf. Und so beginnt Eremus.
📜 EPILOG I – Eremus bleibt allein
Es war still.
So still, dass selbst der Wind zu zögern schien, als wüsste er nicht, ob er in diese Leere hineinwehen sollte.
Der Krater, der einst Untergangsruh gewesen war, lag wie eine Wunde in der Erde. Ein aufgerissener, schmutziger Halbkreis, voller sich kräuselnden Rauchschwaden und dampfender Steinbrocken.
Der Geruch von verbranntem Holz, nassem Erdreich und etwas, das man nicht benennen wollte, lag in der Luft – schwer wie ein Schlussvorhang.
Eremus stand am Rand des Abgrunds, sein Körper erschöpft, seine Kleidung zerfetzt, seine Stimme heiser von all den Warnungen, die niemand hatte hören wollen. Er war allein. Zum ersten Mal in seinem Leben wurde der Gedanke nicht als Fluch empfunden, sondern als vorläufige Gnade. Er setzte sich auf einen noch warmen Felsbrocken und starrte in die Leere.
Nichts bewegte sich. Kein Vogel. Kein Mensch. Kein Rauchfaden, der Ordnung versprach. Nur Stille. Und die Stille war ehrlich. Ehrlicher als die Menschen es je gewesen waren.
🕯️ Das letzte Schild
Seine Finger tasteten über den Boden. Zwischen Schutt, Asche und verkohltem Holz fand er ein kleines Stück Holz – ein Fragment dessen, was einst ein Schild gewesen war. Er erkannte die schwarze Linie eines Buchstaben. Vielleicht ein „A“. Vielleicht ein „H“. Vielleicht ein anderes verzweifeltes Fragment einer Warnung. Er drehte das Stück Holz in seinen Händen. Dann legte er es behutsam zurück. Er hatte keine Schilder mehr. Keine Worte mehr. Keine Menschen mehr, die man hätte warnen können.
Und dennoch flüsterte er: „Ich habe es euch gesagt…“
Doch diesmal antwortete niemand: kein Spott, kein Gelächter, kein Augenrollen, kein „Ach Eremus, übertreib nicht so“.
Zum ersten Mal war die Welt still genug, um ihn recht zu geben – nur dass niemand mehr da war, der ihm seine späte Triumphierung neiden konnte.
🌒 Der Blick nach vorn
Eremus stand auf. Er blickte nicht zurück – denn dort war nichts mehr, was man hätte ansehen können. Er blickte nach Osten. In die Ferne. In Richtung eines neuen Horizonts, auf dem vielleicht andere Menschen lebten. Vielleicht klügere. Vielleicht nicht.
Menschen lernen selten aus Fehlern, die sie nicht überlebt haben.
Doch Eremus tat etwas, das kein Dorfbewohner je getan hatte: Er machte einen Schritt. Und noch einen. Und noch einen. Fort von der Vergangenheit. Fort vom Krater. Fort von Untergangsruh.
Er wanderte los, mit leeren Händen, leeren Taschen, aber einem schweren Herzen.
Die Sonne ging unter. Die Welt färbte sich rot. Und für einen Moment, einen einzigen Moment, fühlte Eremus sich beinahe frei. Nicht glücklich. Nicht hoffnungsvoll. Nicht gerettet. Nur frei. Und das musste reichen.
🕯️ TEIL II – DAS LAND, DAS NICHT HÖREN WOLLTE
📘 INHALTSVERZEICHNIS
Kapitel 10 – Die Stadt, die alles wusste, außer sich selbst
Kapitel 11 – Der Präsident, der immer recht hatte
Kapitel 12 – Die Ministerin für Ausreden bekommt Arbeit
Kapitel 13 – Die Stadt, die keinen Sauerstoff mehr brauchte
Kapitel 14 – Die Stadt, die Strom sparen wollte
Kapitel 15 – Die Stadt, die Lärm verbot, um das Beben nicht zu hören
Kapitel 16 – Die Stadt, die den Riss zum Nationaldenkmal erklärte
Kapitel 17 – Der Tag, an dem die Ministerin für Gegenbeweise verschwand
Kapitel 18 – Die Stadt, die einen Feiertag erfand: Nicht‑Hinschauen‑Tag
Kapitel 19 – Die Stadt, die ein Gesetz gegen Panik erließ
Kapitel 20 – Die Stadt, die das Lächeln zur Pflicht machte
Kapitel 21 – Die Stadt, die das Denken rationierte
Kapitel 22 – Der Tag, an dem die Brücken kollektiv kündigten
Kapitel 23 – Der große Nationalkongress gegen Fakten
Kapitel 24 – Präsident Absurdios letzter Satz
🌑 Kapitel 10 – Die Stadt, die alles wusste, außer sich selbst
Ignoranopolis begrüßte seine Besucher mit einem großen, leuchtenden Schild:
„WILLKOMMEN IN DER BESTEN STADT DER WELT! (laut Abstimmung der Stadt selber)“
Die Überlebenden des Dorfes starrten es an, als wüssten sie nicht genau, ob sie lachen oder rennen sollten.
Eremus hingegen schielte nach oben, vermutlich in der Hoffnung, dass ein weiterer Meteor seine Arbeit abkürzen würde.
Ein Mann in Uniform trompetete durch ein Megaphon:
„BITTE KEINE KATASTROPHEN MITBRINGEN! DANKE.“
Dahinter ein zweites Schild:
„WARNUNGEN SIND VERBOTEN (Ersttäter: 50 Glitzerstunden öffentliche Entschuldigungen)“
Ein drittes Schild:
„BITTE KEINE BEWEISE FÜTTERN!“
Eremus seufzte. „Ich hätte im Dorf sterben sollen.“
Die anderen Überlebenden waren zu erschöpft, um den Sarkasmus zu erkennen- was in Ignoranopolis sicher als lebensbejahende Einstellung gegolten hätte.
🕯️ Die Hauptstadt der Verleugnung
Ignoranopolis war eine Stadt, die immer wusste, was sie wollte:
- weniger Probleme
- weniger Realität
- weniger Verantwortung
- mehr Selbstzufriedenheit
- und eine Bevölkerung, die stolz darauf war, nichts gelernt zu haben.
Die Architektur wirkte, als hätten Architekt*innen unter striktem Verbot gestanden, über Statik nachzudenken.
Überall hingen Banner:
„KEINE SORGEN! ALLES STABIL! (laut dem Ministerium für Gefühlsmanagement)“
Häuser knackten, Brücken zitterten, und irgendwo fiel ein Dach ein- doch laut offizieller Verlautbarung war das die neue städtische „Entspannungs-Akustikmaßnahme“.
🕯️ Erste Begegnung mit der Regierung
Am Stadttor erwartete sie eine Delegation.
Vorneweg ein Mann in einem Anzug, der teuer aussah, aber gleichzeitig wirkte, als wäre er schon dreimal zusammengebrochen und wieder aufgeblasen worden.
„Ich bin Präsident Absurdio Triumphati“, erklärte er mit einem strahlenden Lächeln, das verdächtig nach Schmerz aussah.
„Herzlich willkommen! Wir haben keine Probleme, und dass ihr hier seid, beweist das!“
Eremus hob eine Augenbraue. „Wir sind Überlebende.“
„Fantastisch! Wir verzeichnen gerne Erfolg! Kommt rein!“
Hinter ihm stand die Ministerin für Ausreden, die sofort lächelte und mit einer warmen Stimme erklärte:
„Wenn euer Dorf untergegangen ist, dann hat es das bestimmt freiwillig getan. Wir respektieren diesen Entschluss.“
Die Ministerin für Gegenbeweise legte ein Klemmbrett an ihre Brust und sagte zufrieden:
„Ich werde dafür sorgen, dass wir keinerlei Beweise für euren Untergang finden.“
„Dafür gibt es Beweise“, murmelte Eremus.
Sie notierte rasch: „Beweis für Nichtbeweis gefunden. Wunderbar!“
🕯️ Eremus wird offiziell problematisch
„Wie lautet euer Zweck?“, fragte Präsident Absurdio.
Eremus antwortete: „Ich warne vor Dingen.“
Absurdio strahlte: „Dann haben wir nur eine Frage: Warum sollten wir jemanden akzeptieren, der uns die Stimmung verdirbt?“
Eremus hob sein altes Schild: „WEGLAUFEN. JETZT.“
Die Ministerin für Ausreden nickte begeistert:
„Fantastisch! Ein Wandplakat!“ – und heftete ihm eine Steuernummer an.
So begann Tag 1 in Ignoranopolis.
Und für Eremus begann etwas anderes:
Der Kampf, nicht wieder der Einzige zu sein, der sieht, was jeder leugnet.
🌑 Kapitel 11 – Der Präsident, der immer recht hatte
Präsident Absurdio Triumphati war ein Mann, der nie einen Fehler beging.
Nicht, weil er fähig war. Nicht, weil er klug war. Sondern weil er ein Gesetz eingeführt hatte, das schlicht besagte: „Der Präsident hat immer recht.“
Und damit war die Sache offiziell geklärt.
In Ignoranopolis galt dieses Gesetz als Meisterleistung demokratischer Effizienz. Es sparte Diskussionen, Zeit, Problemlösung – und vor allem die lästige Realität.
🕯️ Die tägliche Selbstbestätigung
Jeden Morgen um genau acht Uhr stand Absurdio Triumphati auf seinem Balkon und rief der Stadt zu: „Alles läuft perfekt!“
Und egal, was gerade geschah- egal, ob Häuser einstürzten, Flüsse über die Ränder traten, oder ein ganzer Stadtteil spontan verschwand- die Bürger antworteten im Chor:
„JA, HERR PRÄSIDENT! ES LÄUFT PERFEKT!“
Es war eine Tradition, die alle zu schätzen wussten. Vor allem die Ministerien. Denn jedes Mal, wenn der Präsident sprach, war ihre Arbeit für den Tag erledigt.
Probleme? Erledigt. Widerspruch? Verboten. Wetter? Selbstverständlich perfekt.
🕯️ Die Pressekonferenz
An diesem Morgen führte Absurdio eine Pressekonferenz durch, die so überflüssig war, dass sie im Kalender der Stadt als „Wichtige Routine“ markiert wurde.
„Liebe Bürgerinnen und Bürger“, verkündete er mit einem Lächeln, das aussah, als würde es jeden Moment brechen, „ich habe gute Nachrichten!“
Die Presse jubelte. Sie liebte gute Nachrichten. Schlechte Nachrichten waren verboten.
„Die aktuelle Bausituation ist hervorragend!“ rief Absurdio.
Genau in diesem Moment krachte im Hintergrund ein Gebäude zusammen.
Die Reporter klatschten begeistert. „Ein Zeichen von Erneuerung!“ rief jemand aus der dritten Reihe.
Die Ministerin für Gegenbeweise hakte sofort etwas auf ihrem Klemmbrett ab: „Notiz: Das Gebäude hat nie existiert.“
Absurdio nickte zufrieden. „Sehr gut.“
Ein Reporter hob die Hand. „Herr Präsident, wie erklären Sie die zunehmenden Erdbeben?“
Absurdio strahlte. „Das sind keine Erdbeben. Das ist die Erde, die uns zujubelt.“
Die Ministerin für Ausreden klatschte begeistert. „Eine charmante Interpretation! Ich werde das als offizielle Erklärung veröffentlichen!“
🕯️ Eremus bei der Presse
Eremus stand am Rand des Platzes. Er hatte sein Schild dabei. Es war mittlerweile verbeult, eingedrückt, angeschmutzt, und emotional komplett erledigt.
Darauf stand: „LAUFT.“
Ein Polizist tippte ihm auf die Schulter. „Haben Sie eine Genehmigung für dieses Schild?“
Eremus: „Es ist ein Hinweis. Ich… warne.“
Der Polizist lachte so laut, dass er kurz selbst erschrak. „Warnungen sind hier illegal. Sie könnten jemanden beunruhigen.“
„Genau das ist der Punkt“, murmelte Eremus.
Der Polizist hob die Augenbrauen. „Sie sind mir verdächtig.“
„Ich weiß.“
„Haben Sie vor, damit weiterzumachen?“
Eremus seufzte. „Ja.“
Der Polizist zückte einen Notizblock. „Dann leite ich das weiter ans Ministerium für Feststellungen. Die werden feststellen, dass Sie etwas feststellen wollten, und das ist verboten.“
Eremus hob das Schild. „Ich habe euch gewarnt.“
Absurdio Triumphati hörte es und lächelte breiter. „Seht ihr? Wir haben Optimisten in unserer Stadt! Alles läuft perfekt!“
Die Menge jubelte. Das Erdbeben nicht. Es wartete nur.
🕯️ Die Heilige Regel
Später an diesem Tag versammelte die Regierung sich zur täglichen „Selbstbestätigungsrunde“.
„Gibt es Probleme?“ fragte Absurdio.
„Nein!“ rief die Ministerin für Ausreden.
„Beweise für das Gegenteil?“ fragte Absurdio.
„Absolut nicht!“ rief die Ministerin für Gegenbeweise.
„Sehr gut“, sagte Absurdio. „Dann ist alles perfekt.“ Er schlug ein Buch auf, das „Grundgesetz von Ignoranopolis“ hieß und nur einen einzigen Absatz enthielt:
Artikel 1: Der Präsident hat immer recht.
Artikel 2: Siehe Artikel 1.
Absurdio Triumphati lächelte. Er liebte dieses Buch.
Und die Welt um ihn herum bröckelte leise weiter.
🌑 Kapitel 12 – Die Ministerin für Ausreden bekommt Arbeit
Der Tag begann wie jeder andere in Ignoranopolis:
- Zwei Gebäude stürzten ein.
- Eine Brücke löste sich in drei Teile und tat so, als wäre sie nie verbunden gewesen.
- Der Himmel war violett, was normal war, seit das Ministerium für Farben beschlossen hatte, dass „Blau“ zu pessimistisch wirkt.
Und mitten in all dem stand Die Ministerin für Ausreden, eine Frau mit einem perfekten Lächeln und einem Gehirn, das ausschließlich dafür zuständig war, jedes Problem in eine Erfolgsmeldung umzudeuten.
Sie begann ihren Tag wie immer: mit der traditionellen Morgenbeschönigung.
„Ich begrüße Sie zu einem neuen Tag ohne Probleme!“, verkündete sie ins Mikrophon ihrer Balkonanlage.
Genau darunter explodierte ein Transformator, und drei Straßenbeleuchtungen kippten gleichzeitig um.
Sie lächelte etwas breiter. Sie liebte Herausforderungen.
🕯️ Der erste Einsatz des Tages
Ein Assistent rannte heran, schweißnass, panisch, und mit einer Dringlichkeitsmappe, die fast zitterte.
„Frau Ministerin! Ein Teil der Stadt hat kein Wasser mehr!“
Sie nickte milde. „Ausgezeichnet. Dann sind die Menschen endlich autonom.“
Der Assistent blinzelte. „Autonom?“
„Oh ja! Wasser aus dem Hahn ist abhängig machend. Jetzt können die Bürger ihr inneres Gleichgewicht finden.“
„Aber… sie verdursten?“
Die Ministerin lächelte. „Wer Durst spürt, hat immerhin Gefühle. Ein Fortschritt.“
Sie notierte es auf ihrem Klemmbrett: „Wasserausfall = Emotionales Wachstumsprogramm.“
Fall erledigt.
🕯️ Der zweite Einsatz: Der Einsturz
Ein weiterer Beamter rannte auf sie zu, atmete schwer und zeigte hinter sich.
„Frau Ministerin! Ein Fundament ist eingestürzt! Ein ganzes Wohnhaus ist weg!“
Sie nickte, als wäre das die schönste Nachricht des Tages.
„Wunderbar. Sieh es so: Das Gebäude hat sich für eine horizontale Lebensform entschieden.“
„Aber… die Bewohner stecken darunter!“
„Das ist doch schön. Gemeinschaft fördert Nähe.“
Der Beamte schluckte. „Wir sollten etwas unternehmen!“
„Das tun wir ja“, sagte sie. „Wir interpretieren.“
Und sie notierte: „Einsturz = Soziales Kuschelprojekt.“
Fall erledigt.
🕯️ Der dritte Einsatz: Die Luft wird knapp
Kaum hatte sie ihr Klemmbrett gesenkt, rannte ein dritter Beamter heran.
„Ministerin! Die Luftqualität sinkt dramatisch! Menschen fallen um!“
Ein Funke echten Stolzes leuchtete in ihren Augen.
„Dann atmen sie endlich weniger. Sehr gut! Die Stadt hatte schon lange mit Erschöpfung zu kämpfen.“
„Erschöpfung?“
„Natürlich! Die Atmosphäre ist müde. Jetzt nimmt sie sich eine Pause. Das ist Selbstfürsorge.“
„Aber die Leute ersticken!“
„Ach, die übertreiben. Und außerdem: Ein bisschen Ohnmacht fördert Gelassenheit.“
Sie notierte: „Smog = Gesundheitspause des Himmels.“
Fall erledigt.
🕯️ Und dann kam Eremus
Eremus erschien am Rande des Platzes, wieder mit seinem Schild, das mittlerweile aussah, als hätte es die Hälfte seines Lebens unter rollenden Katastrophen verbracht.
Darauf stand: „DAS IST ALLES KEIN ZUFALL.“
Die Ministerin für Ausreden strahlte ihn an.
„Ach, der Neue! Der Stimmungsverschlechterer.“
Eremus seufzte. „Hört mir doch einmal zu. Die Stadt- sie bricht zusammen. Überall. Es ist offensichtlich.“
Die Ministerin lachte, als hätte er ihr einen Witz präsentiert.
„Offensichtlich? Also bitte! So etwas gibt es bei uns nicht.“
Sie wandte sich an den Beamten neben ihr. „Schreiben Sie auf: ‚Offensichtlich = Gerücht eines pessimistischen Einwanderers.‘“
Der Beamte notierte pflichtbewusst.
Eremus hob sein Schild höher. „Ihr müsst aufhören zu leugnen!“
„Ach, Eremus…“ Die Ministerin schüttelte den Kopf. „Wir leugnen doch gar nicht. Wir… interpretieren.“
Eremus blinzelte. „Interpretieren? Das ist eine Katastrophe!“
„Katastrophe? Ein tolles Wort! Das klingt so dynamisch.“
Sie notierte: „Katastrophe = Dynamischer Entwicklungsprozess.“
Fall erledigt.
🕯️ Die große Aufgabe
Doch dann kam der vierte Beamte des Tages.
Er war blass. Sehr blass. Und er hielt eine Karte der Stadt in der Hand, auf der ein großer roter Fleck die halbe Innenstadt überdeckte.
„Ministerin… es gibt ein… Problem.“
Sie seufzte zufrieden. Endlich ein richtiger Fall.
„Was denn?“
„Ein riesiger Riss hat sich durch die Stadt gezogen.“
Die Ministerin strahlte. „Herrlich! Eine natürliche Fußgängerzone!“
„Die Häuser stürzen hinein! Menschen verschwinden!“
„Sehr gut. Dann ist der Wohnungsmarkt endlich entlastet.“
Eremus war fassungslos. „Ihr seid wahnsinnig! Ihr ignoriert alles! Dieser Riss wird größer. Er verschluckt die Stadt! Ihr müsst handeln!“
Die Ministerin legte ihm leicht die Hand auf die Schulter und sagte in einem Tonfall, den man normalerweise bei Kleinkindern benutzte:
„Eremus… ein Problem, das nicht benannt wird, existiert nicht.“
Sie notierte zufrieden:
„Stadtriss = Tourismusprojekt für Extremsportarten.“
Fall erledigt.
Und Ignoranopolis bewegt sich weiter auf den Abgrund zu- gut gelaunt, entschlossen und fest überzeugt, dass alles perfekt ist.
🌑 Kapitel 13 – Die Stadt, die keinen Sauerstoff mehr brauchte
Die Morgenmeldung des Tages lautete:
„IGNORANOPOLIS WIRD UNABHÄNGIG VON DER ATMOSPHÄRE!“
Darunter in kleiner Schrift:
(Die Luftqualität ist auf 3 % gefallen. Wir bitten um Begeisterung.)
Die Ministerin für Ausreden strahlte so sehr, dass man meinen konnte, sie hätte die Luft persönlich entfernt und sei nun stolz auf ihr Werk.
„Ein historischer Tag!“, rief sie begeistert. „Wir sind die erste Stadt der Welt, die nicht mehr atmen muss!“
Die Bürger jubelten exakt so lange, bis der Erste umkippte. Danach nicht mehr, weil ihnen dafür schlicht der Sauerstoff fehlte.
🕯️ Die Erklärung des Präsidenten
Präsident Absurdio Triumphati trat vor die Presse – also jene fünf Personen, die noch stehen konnten und nicht bewusstlos in einer dekorativen Formation über den Rathausplatz verteilt waren.
„Liebe Bürgerinnen und Bürger“, begann er in seinem üblichen Tonfall, der gleichzeitig autoritär und besorgniserregend ahnungslos war, „heute ist ein stolzer Tag für unsere Unabhängigkeit!“
Er zeigte auf eine Grafik neben sich:
Ein Diagramm, das zeigte:
- Sauerstoffgehalt: 3 %
- Zufriedenheit der Regierung: 110 %
- Realität: 0 %
„Wir haben beschlossen, uns nicht länger von der Luft abhängig zu machen. Sie hat uns lange genug kontrolliert.“
Die Ministerin für Gegenbeweise nickte heftig. „Wir haben wissenschaftlich bewiesen, dass Luft überschätzt wird. Menschen brauchen sie nur, weil sie glauben, sie zu brauchen.“
Ein Reporter hob schwach die Hand, wohl kurz vor der Bewusstlosigkeit.
„Aber… wir ersticken?“
Die Ministerin lächelte. „Nein, nein. Sie haben nur eine Phase der tiefen körperlichen Entspannung.“
Der Reporter fiel um. Die Ministerin notierte begeistert:
„Starker Enthusiasmus: Bürger legt sich freiwillig hin.“
🕯️ Das große Anti-Luft-Programm
Um der Stadt zu helfen, gab die Regierung mehrere Empfehlungen heraus:
- Weniger atmen. („Atmen ist eine ineffiziente Angewohnheit aus der Steinzeit.“)
- Tief einatmen vermeiden. („Das könnte zeigen, dass Sie abhängig sind.“)
- Flach atmen. („Modernere Lösung.“)
- Gar nicht atmen. („Die nachhaltigste Option.“)
- Ohnmacht ist eine natürliche Anpassungsreaktion. („Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Fortschritt!“)
Die Ministerin für Ausreden veröffentlichte sogar einen offiziellen Leitfaden mit dem Titel:
„Atmen ist optional – Leben mit Stil“
Eremus blätterte darin und warf ihn dann weg.
„Ihr seid alle verrückt“, murmelte er.
Die Ministerin seufzte. Sie hörte den Satz zu oft am Tag.
🕯️ Die Bürger reagieren (so gut sie können)
Die Bewohner der Stadt kollabierten in regelmäßigen Abständen und standen danach wieder auf, weil niemand ihnen bestätigte, dass sie ohnmächtig gewesen waren.
Ein Mann rang nach Luft.
„Ich glaube… ich… brauche… Sauerstoff…“
Eine Passantin schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Das ist eine Modeerscheinung. Ich halte nichts davon.“
Ein weiterer Bürger japste: „Ich… kann… kaum… atmen…“
Die Ministerin für Ausreden klopfte ihm freundlich auf den Rücken. „Das liegt daran, dass Sie zu viel erwarten.“
Der Mann fiel um.
Sie nickte zufrieden. „Sehr gut. Er arbeitet an seiner geistigen Disziplin.“
🕯️ Eremus mischt sich ein
Eremus stellte sich mitten auf den Platz und hob sein Schild.
Darauf stand diesmal:
„LUFT IST ECHT.“
Ein Beamter des Ministeriums für Gegenbeweise lief sofort herbei.
„Was soll das denn heißen? Wollen Sie uns verwirren?“
Eremus: „Ihr müsst die Luft wiederherstellen! Die Leute sterben!“
„Nein“, sagte der Beamte bestimmt. „Sterben wurde abgeschafft.“
Eremus: „Sie liegen tot am Boden!“
„Dann ruhen sie sich aus. Ignoranopolis fördert Work‑Life-Balance.“
„Sie haben aufgehört zu atmen!“
„Modetrend.“ Er machte eine Notiz. „Ich werde dafür sorgen, dass wir keine Beweise für fehlende Luft finden.“
Eremus hob beide Arme. „Hört mir doch zu! Ihr spielt mit eurem Leben!“
Aus der Menge rief jemand:
„Sei still! Wir sparen gerade Luft!“
🕯️ Der Präsident verkündet eine Lösung
Absurdio Triumphati stellte sich auf sein Podium. Er hatte den Blick eines Mannes, der überzeugt war, eine geniale Idee zu präsentieren.
„Bürgerinnen und Bürger! Wir haben die Lösung gefunden!“
Die Menge keuchte.
Absurdio lächelte. „Wir werden… die Luft importieren!“
Schweigen.
Ein Berater flüsterte: „Von wo?“
Absurdio blinzelte. „Keine Ahnung. Aber wir importieren doch alles! Warum nicht Luft?“
Begeisterter Applaus (wobei ein Drittel der Klatschenden bewusstlos wurde).
Die Ministerin für Ausreden schrieb: „Luftkrise = Chance für internationalen Handel.“
Und Ignoranopolis stürzte weiter in eine Katastrophe, die es offiziell nicht gab.
🌑 Kapitel 14 – Die Stadt, die Strom sparen wollte
Ignoranopolis verkündete eines Morgens stolz:
„ENERGIEKRISE? NICHT BEI UNS! WIR LÖSEN DAS PROBLEM MIT EINEM PROBLEM!“
Darunter stand in kleiner, selbstbewusster Schrift:
(Die Stromversorgung ist auf 4 % gefallen. Wir bitten um gute Laune.)
Die Bürger standen ratlos da – nicht wegen der Information, sondern weil alle Bildschirme schwarz waren und niemand wusste, wie man ohne Strom emotional reagieren sollte.
🕯️ Das große Energiesparprogramm
Das Ministerium für Gegenbeweise gab sofort eine Erklärung ab:
„Es gibt keine Energiekrise. Nur Menschen, die zu viel Licht gewohnt sind.“
Die Ministerin für Ausreden sekundierte:
„Strom ist ein Relikt aus einer Zeit, als Menschen noch an Elektrizität glaubten.“
Damit war die Lage offiziell beruhigt.
So glaubte man zumindest.
🕯️ Die Maßnahmen
Präsident Absurdio Triumphati trat auf den Balkon und verkündete strahlend:
„Wir sparen ab sofort Strom – indem wir ihn abschalten!“
Die Menge jubelte. Alle drei, die nicht bewusstlos waren.
Absurdio wischte sich zufrieden die Hände:
„Fortschritt bedeutet Verzicht! Und Verzicht bedeutet Fortschritt! Also ist Fortschritt gleich Fortschritt. Beweis genug!“
Die Ministerin für Ausreden nickte. „Brillant! Ich werde es als ‚Energiesouveränitätsinitiative‘ ausgeben.“
🕯️ Die neuen Regeln von Ignoranopolis
Die Regierung veröffentlichte feierlich neue Vorschriften:
Regel 1:
Licht ist überbewertet. Wer mehr als eine Lichtquelle gleichzeitig nutzte, wurde als „Luxuskrimineller“ eingestuft.
Regel 2:
Elektrische Geräte dürfen nicht mehr funktionieren. Defekte stehen unter staatlichem Schutz.
Regel 3:
Kühlschränke gelten als energiepolitische Verräter. Abschmelzen ist jetzt Patriotismus.
Regel 4:
Heizung ist Feigheit vor der Kälte. Frieren stärkt den Charakter – offiziell bewiesen™.
Die Experten erklärten:
„Dunkelheit ist die Zukunft! Wärme ist nur ein Gefühl! Der Mensch kann alles überleben, wenn er nicht darüber nachdenkt!“
Die Bevölkerung begann daraufhin, weniger nachzudenken, um die Prognose zu erfüllen.
🕯️ Die Stadt im Dunkeln
Innerhalb von Stunden versank Ignoranopolis in völliger Schwärze.
Straßenlaternen gingen aus. Ampeln schwiegen. Elektronische Werbetafeln verwehten wie tote Insekten im Wind.
Nur der Präsidentenpalast hatte noch Licht.
Offiziell, weil „die Nation ein Licht braucht“.
Inoffiziell, weil Absurdio nicht wusste, wie man den Hauptschalter wieder findet.
🕯️ Die kreativen Folgen
In den Supermärkten tauten alle Kühlschränke ab. Die Ministerin für Ausreden interpretiere das als:
„Die Lebensmittel sind jetzt empfindungsfähiger. Bitte achtsam behandeln.“
An Bushaltestellen stand die Bevölkerung im Dunkeln und schüttelte ihre Telefone, in der Hoffnung, der Akku würde aus Solidarität noch ein letztes Aufleuchten gewähren.
Im Stadtarchiv zerstörte ein Stromausfall den einzigen funktionierenden Computer. Der Archivar schrieb daraufhin die gesamte Geschichte der Stadt aus dem Gedächtnis neu:
„Alles war immer perfekt.“
Eremus rollte nur mit den Augen. Er hatte schon Schlimmeres gesehen. Zum Beispiel Kapitel 12.
🕯️ Eremus versucht es wieder einmal
Er stellte sich auf den Marktplatz und hob sein Schild: „ES WIRD NICHT BESSER.“
Eine Frau blieb stehen, pickte sich durch das Dunkel und fragte: „Wer sagt das?“
„Die Realität.“
„Oh“, sagte sie. „Dann ignoriere ich das.“
Ein Beamter des Ministeriums für Gegenbeweise tauchte auf:
„Was tun Sie da?“
Eremus: „Ich warne.“
„Warnungen sind illegal. Sie ziehen Energie ab.“
„Wieso Energie?“
„Angst ist Stromverbrauch.“
Eremus brauchte einen Moment, um diesen Satz einzuordnen – und gab schließlich auf.
🕯️ Der Präsident reagiert auf das Chaos
Absurdio Triumphati beendete seinen Tag mit einer Fernsehansprache. Das einzige Problem:
Es gab keinen Strom.
Er sprach trotzdem.
Vor einer toten Kamera. In einem dunklen Raum. Ohne Ton. Ohne Licht. Ohne Publikum.
Aber offiziell gilt:
„Die Ansprache war ein voller Erfolg.“
Die Ministerin für Ausreden verlautbarte mit Stolz: „Wir haben 100 % Energie gespart.“
Und Ignoranopolis war so dunkel wie noch nie – und so zufrieden wie immer.
Denn solange niemand sah, dass etwas schiefging, war alles perfekt.
🌑 Kapitel 15 – Die Stadt, die Lärm verbot, um das Beben nicht zu hören
Das Beben begann um 7:42 Uhr morgens. Ein unüberhörbares Grollen, ein tiefes, bodenloses Knarren, als würde die Erde versuchen, Ignoranopolis höflich darauf hinzuweisen, dass sie genug hat.
Die Bürger reagierten angemessen: Sie beschwerten sich über den Lärm.
„Kann man das nicht abstellen?“, fragte ein Mann, der gerade einen Ziegelstein aus seinem eigenen Haus fing, der sich entschieden hatte, ohne ihn weiterzuleben.
„Dieser Untergrund ist so rücksichtslos geworden“, meinte eine ältere Dame, deren Haustür inzwischen zwei Straßen weiter lag.
🕯️ Die Regierung reagiert (falsch)
Präsident Absurdio Triumphati stand auf seinem Balkon und sah zu, wie ein ganzer Stadtteil einen Meter nach unten sank.
Er lächelte. „Das ist kein Erdbeben“, verkündete er in sein funktionsloses Megaphon, „das ist Enthusiasmus der Erde!“
Die Ministerin für Ausreden klatschte entzückt.
„Die Natur zeigt, dass sie uns unterstützt! Sie stampft vor Freude!“
Die Ministerin für Gegenbeweise hielt ein Klemmbrett hoch.
„Ich habe bereits Beweise gefunden, dass es keine Beweise für ein Erdbeben gibt.“
Das Beben antwortete mit einem tiefen, déprimierten Rumms.
🕯️ Der Lösungsvorschlag des Präsidenten
Absurdio Triumphati räusperte sich, als würde er gleich ein geniales Konzept erklären.
„Meine Bürger! Wir haben erkannt, dass das Problem nicht das Beben ist.“
Die Menge – bzw. jene Teile, die noch aufrecht standen und nicht schwankten – spannte sich erwartungsvoll an.
„Das Problem ist das Geräusch! Wenn wir das Geräusch nicht hören, gibt es kein Beben!“
Die Menge nickte kollektiv. Eine hervorragende Logik. Wieso war da vorher niemand drauf gekommen?
„AB SOFORT IST LÄRM VERBOTEN!“, rief Absurdio triumphierend.
🕯️ Die neuen Gesetze zur Geräuschkontrolle
Innenministerien wurden sofort aktiv und verkündeten:
- 1 – Geräusche aller Art sind untersagt.
Atmen zählt als Geräusch. (Ausnahme: Regierung.) - 2 – Gebäude dürfen nur lautlos einstürzen.
Bei Zuwiderhandlung: Abriss als Strafe. - 3 – Bürger, die schreien,
weil sie unter einem Trümmerberg liegen, begehen akustische Ruhestörung. - 4 – Erdbeben gelten als „unerlaubte Untergrundvibrationen“.
Die Erde wird verwarnt. - 5 – Musik ist ein Angriff auf das Wohlbefinden.
(Die örtliche Blaskapelle wurde verhaftet.)
Die Ministerin für Ausreden erklärte: „Ruhe ist Fortschritt! Wer leise ist, hat keine Probleme!“
Die Menschen versuchten daraufhin, nicht mehr zu atmen. Es gelang ihnen erstaunlich gut – zumindest für die ersten 14 Sekunden.
🕯️ Die Bürger passen sich an
Ein Mann stand vor seinem halb eingestürzten Haus und flüsterte:„Ich… glaube, wir… sollten… flü-“
„PSCHT!“, zischten drei Nachbarn.
„Du stößt gefährliche Gedanken aus! Die könnten laut werden!“
Eine Frau tippte ihrem bewusstlosen Ehemann mit dem Fuß an. „Schatz, wach auf. Aber leise.“
Aus der Ferne hörte man das nächste Beben – und die Menschen hielten sich sofort die Ohren zu. Wenn sie es nicht hörten, war es nicht da.
So funktionierte die Stadt.
🕯️ Eremus bekommt Ärger
Eremus stand auf dem Marktplatz mit seinem Schild:
„ES BEEBT. LAUFT ENDLICH.“
Ein Lärmpolizist trat sofort vor.
„He! Das Schild ist zu laut!“
Eremus blinzelte. „Das… ist geschriebener Text.“
„Ja, aber man hört, was du meinst!“
Ein zweiter Polizist kam hinzu. „Warnungen haben eine Schallfrequenz. Wir haben das gemessen.“
„Wie denn, wenn ihr keinen Strom habt?“
„Wir haben es gefühlt. Gefühle sind präzise Messinstrumente.“
Eremus schlug die Hände vors Gesicht. Er fand keine Worte mehr. Und selbst wenn er welche gefunden hätte- er hätte sie nicht laut sagen dürfen.
🕯️ Als das Beben lauter wurde
Gegen Mittag hörte man ein tiefes, durchdringendes Grollen, viel stärker als zuvor.
Ein Straßenzug sackte 50 Zentimeter ab. Mehrere Fenster sprangen. Der Boden riss an einer Stelle auf wie der Mund eines sehr hungrigen Monsters.
Die Menschen hielten sich die Ohren zu und brummten leise Mantras:
„Wir hören nichts… wir hören nichts… es ist nicht da… wir hören nichts…“
Die Ministerin für Ausreden winkte ab.
„Das ist die Erde, die sich ausruht. Seid respektvoll!“
Die Ministerin für Gegenbeweise setzt ihr glücklichstes Lächeln auf.
„Ich werde diesen Riss sofort dementieren!“
Sie bückte sich hinunter, um in den Abgrund zu blicken, und rief:
„ICH SEHE NICHTS!“
Der Riss kam ihr entgegen.
🕯️ Der Präsident triumphiert
Am Abend war die Stadt zerbrochener als je zuvor. Aber sie war ruhig. Sehr ruhig. Die Bürger wagten kaum zu atmen.
Der Präsident trat erneut hinaus:
„Wie ihr seht,“ sagte er stolz, „haben wir das Erdbeben besiegt! Niemand hört es mehr! Damit ist es weg!“
Die Menge – die noch lebte – jubelte lautlos.
Eremus starrte den Präsidenten an mit einer Mischung aus Verzweiflung, Wut und dem stillen Wunsch nach einem zweiten Meteor.
Die Stille vibrierte. Der Boden vibrierte. Und Ignoranopolis vibrierte mit – in perfekter, selbstverschuldeter Geräuschlosigkeit.
🌑 Kapitel 16 – Die Stadt, die den Riss zum Nationaldenkmal erklärte
Der Riss war inzwischen so groß, dass man ihn aus jedem Stadtteil sehen konnte. Er verlief quer durch Ignoranopolis wie ein schlecht gezogener Strich in einem Buch, das niemand lesen wollte.
Häuser stürzten hinein, Straßen brachen weg, und gelegentlich hörte man verzweifelte Rufe aus der Tiefe.
Doch offiziell war alles in Ordnung. Besser als in Ordnung. Großartig.
Der Präsident bezeichnete den Riss als „ein Geschenk der Natur“. Die Minister für Ausreden und Gegenbeweise nickten begeistert, denn Geschenke waren gut, und alles, was gut war, konnte man politisch vermarkten.
🕯️ Die große Umdeutung
In einer eilig einberufenen Pressekonferenz verkündete Präsident Absurdio Triumphati:
„Liebe Bürgerinnen und Bürger, ich freue mich, euch mitzuteilen, dass der große Riss offiziell kein Problem ist!“
Die Menge applaudierte. Einige verschwanden dabei über den Rand des Risses, doch sie riefen dabei keine Beschwerden und galten somit als sehr zufriedene Bürger.
„Der Riss“, fuhr Absurdio fort, „ist ein Zeichen unserer nationalen Stärke.“
Die Ministerin für Ausreden ergänzte:
„Er zeigt, dass die Erde uns so sehr liebt, dass sie sich uns öffnen möchte.“
Die Ministerin für Gegenbeweise lächelte stolz.
„Wir haben bereits alle Beweise gesammelt, die klar zeigen: Dieser Riss existiert nicht.“
Die Menge jubelte, denn das war die Information, die sie sich gewünscht hatte.
🕯️ Die Stadt baut ein Nationaldenkmal
Nur wenige Stunden später stand die Entscheidung fest: Der Riss wird zum offiziellen Nationaldenkmal erklärt. Mit sofortiger Wirkung.
Bauarbeiter bauten Schilder auf: „NATIONALDENKMAL RISS“ Untertitel: (Bitte nicht hineinschauen.)
Darunter kleinere Zusatztafeln:
- „Kein Eintrittsgeld – der Riss ist überall.“
- „Betreten auf eigene Realität.“
- „Nicht zu nah an die Kante treten – der Riss könnte beleidigt sein.“
Einige Bürger posierten für Fotos. Manche verloren das Gleichgewicht, doch ihre fallenden Schreie wurden als „Rissbegeisterung“ vermerkt.
Die Ministerin für Ausreden hielt eine Rede:
„Liebe Bewohner! Wir haben die Katastrophe in eine Sehenswürdigkeit umgewandelt! Das ist nachhaltige Politik!“
🕯️ Der Tourismus wird erfunden
Da Ignoranopolis über keinerlei echte Touristen verfügte (niemand wollte freiwillig kommen, niemand freiwillig bleiben), gründete die Stadt die Nationale Tourismus-Agentur.
Sie bestand aus zwei Personen:
- einem Mann, der sich weigerte, in die Karte zu schauen, weil das die Realität bestätigt hätte,
- und einer Frau, die behauptete, schon immer im Ausland gewesen zu sein, obwohl sie ihr eigenes Viertel noch nie verlassen hatte.
Die Agentur erstellte Werbebroschüren:
„Erleben Sie den größten Riss der Welt! (laut Aussage des Präsidenten)“
„Falls Sie hineinfallen, haben Sie Anspruch auf diplomatische Anerkennung!“
„Unsere Stadt ist offen – buchstäblich!“
Eremus las eine dieser Broschüren und stöhnte schwer. Der Riss hinter ihm bebte vor Lachen – oder Hunger. Schwer zu sagen.
🕯️ Eremus verliert die Geduld
Eremus stellte sich auf den Marktplatz, sah die Menschen an und hob sein Schild:
„DER RISS WIRD EUCH FRESSEN.“
Ein Beamter des Ministeriums für Kulturelle Stimmungen kam sofort angerannt.
„He! Das ist Beleidigung eines Nationaldenkmals!“
Eremus: „Was? Ich beleidige kein Denkmal. Ich erkläre, dass der Riss gefährlich ist!“
„Natürlich ist er gefährlich! Das macht ihn doch spannend! Schon mal an Tourismus gedacht?“
„Das ist Wahnsinn! Der Riss verschlingt Häuser!“
Der Beamte lächelte. „Und Häuser sind ersetzbar. Wissen Sie, was nicht ersetzbar ist? Einmalige Naturphänomene!“
Eremus starrte ihn an, als wolle er sichergehen, dass der Mann echt war und nicht ein besonders gut erzogener Halluzinationsgeist.
„Ihr seid irre“, sagte er.
„Irre? Nein!“ Der Beamte wirkte beleidigt. „Wir sind kreativ!“
🕯️ Die feierliche Widmung
Am Abend versammelte sich die gesamte Regierung am Rand des Abgrunds.
Ein roter Teppich führte direkt bis zur Kante. Ein ernstes Sicherheitsrisiko, aber offiziell eine „mutige architektonische Entscheidung“.
Präsident Absurdio Triumphati hob die Hand:
„Hiermit erkläre ich den Großen Ignoranopolis-Riss zu einem geschützten Nationaldenkmal! Er ist ein Symbol unserer Stärke, unseres Fortschritts, und der Tatsache, dass wir niemals nach unten schauen müssen!“
Ein kleines Zittern fuhr durch den Boden. Ein Stück Teppich sackte ab. Die Ministerin für Gegenbeweise rief:
„Bewegung eingestellt! Der Riss ist stolz!“
Eremus stand etwas weiter hinten, seufzte und flüsterte:
„Der Riss wird euch holen.“
Und die Erde antwortete mit einem hungrigen, tiefen Grollen.
🌑 Kapitel 17 – Der Tag, an dem die Ministerin für Gegenbeweise verschwand
Es war ein ruhiger Morgen in Ignoranopolis. Also, ruhig im Sinne von:
- zwei Brände,
- ein kleinerer Einsturz,
- ein immer größer werdender Riss,
- und eine Bevölkerung, die kollektiv beschlossen hatte, dass alles normal sei.
Doch wirklich bemerkbar war nur eines:
Die Ministerin für Gegenbeweise war nicht erschienen.
Kein Klemmbrett, kein Lächeln, kein „Ich habe bereits bewiesen, dass dies nicht passiert.“ – einfach weg.
Zunächst fiel es niemandem auf. Die Regierung war es gewohnt, dass wichtige Personen verschwanden. Meistens ignorierte man das einfach.
Aber die Ministerin war wichtig. Sie war verantwortlich dafür, dass nichts, was geschah, wirklich geschehen durfte.
Ohne sie war die Realität ungeschützt und konnte jederzeit ungefiltert hereinbrechen.
🕯️ Der Präsident reagiert
Präsident Absurdio Triumphati betrachtete seinen Kabinettstisch, auf dem ein Lehrstuhl auffallend leer war.
„Wo ist sie?“, fragte er die Ministerin für Ausreden.
„Wer?“, fragte sie zurück.
„Die Ministerin für Gegenbeweise.“
Die Ausreden-Ministerin blinzelte. „Existiert sie denn? Hat jemand Beweise dafür?“
Absurdio seufzte. Er mochte solche Logikrätsel nicht. „Natürlich existiert sie! Sie dementiert doch ständig Dinge.“
Die Ministerin lächelte fachmännisch. „Wenn sie nicht hier ist, hat sie sicher bewiesen, dass sie woanders ist.“
Absurdio nickte. Das klang plausibel.
🕯️ Die Suche nach der Ministerin
Ein Suchtrupp wurde zusammengestellt. Er bestand aus:
- einem Beamten, der prinzipiell alles überhörte
- einer Frau, die sich nur rückwärts bewegte
- einem Mann, der sich für einen Baum hielt
- und einem Praktikanten, der eigentlich nur aufs Klo wollte
Der Trupp zog los mit der offiziellen Anweisung:
„Findet sie nicht. Dadurch beweist ihr, dass sie verschwunden ist.“
Nach zehn Minuten meldete der Baum‑Beamte: „Ich glaube, der Boden hat sie gefressen.“
Die Frau, die rückwärts lief, antwortete: „Ich sehe sie nicht. Das beweist alles.“
Der Praktikant fiel in Ohnmacht. Der andere Beamte notierte: „Status: unklar. Wie immer.“
🕯️ Eremus hatte eine Vermutung
Eremus, der einzige Mensch mit funktionierendem Wahrnehmungsapparat, stand am Rand des großen Risses und starrte in die Tiefe.
„Natürlich ist sie da unten“, murmelte er.
„Alle Lügner fallen irgendwann hinein.“
Ein Mann neben ihm schüttelte den Kopf. „Du bist aber negativ.“
„Ich bin realistisch.“
„Oh. Das tut mir leid.“
„Warum?“
„Das muss schrecklich sein“, sagte der Mann und fiel beiläufig in den Riss.
Eremus seufzte. „Er hat’s wenigstens leise gemacht.“
🕯️ Ignoranopolis erklärt die Situation
Da die Ministerin für Gegenbeweise nun fehlte, musste man ihren Job improvisieren.
Präsident Absurdio Triumphati trat auf die verbliebene, leicht schräg stehende Bühne und verkündete:
„Wir haben großartige Nachrichten: Die Ministerin ist nicht verschwunden! Wir haben nur aufgehört, ihr Verschwinden als Tatsache anzuerkennen!“
Die Menge klatschte. Ein Bürger rief: „Wenn wir aufhören, etwas zu glauben, hört es dann auf zu sein?“
Die Ministerin für Ausreden nickte. „Genau! Das nennt man kollektives Denken!“
„Und wo ist sie dann?“ fragte jemand aus der zweiten Reihe.
Die Ministerin hob den Zeigefinger. „Darf ich euch etwas beibringen? Wenn man nicht wissen will, muss man nicht wissen!“
Die Menge applaudierte begeistert. Wissen war ohnehin anstrengend.
🕯️ Der Riss sagt hallo
Am Nachmittag erschütterte ein besonders tiefes Grollen die Stadt. Ein Stück der Straße klappte ein wie ein müdes Kniegelenk.
Der Präsident runzelte die Stirn. „Ich finde, der Riss verhält sich heute aggressiv.“
Eremus stand daneben. „Der Riss frisst alles, was in diese Stadt gehört.“
„Also Feinde?“
„Nein. Euch.“
Die Ministerin für Ausreden lächelte ihn an. „Ach Eremus… du machst dir immer so viele Sorgen.“
Eremus zeigte auf einen dunklen Punkt tief im Abgrund.
„Seht ihr das? Da unten… das ist sie.“
Alle beugten sich nach vorne, schauten lange und sagten schließlich gleichzeitig: „Wir sehen nichts.“
Die Ministerin für Ausreden strahlte. „Wunderbar! Dann existiert sie nicht! Fall abgeschlossen!“
Eremus schloss die Augen und versuchte, nicht zu schreien.
🕯️ Offizielle Verlautbarung des Tages
Am Abend wurde eine Erklärung veröffentlicht:
„Die Ministerin für Gegenbeweise wurde nicht vermisst. Es gab sie nie. Sie hat nie Beweise geliefert, also hat sie nie existiert. Alle gegenteiligen Behauptungen sind falsch.“
Ein Fuß tauchte kurz am Rand des Risses auf, versuchte verzweifelt, Halt zu finden, und verschwand wieder.
Die Regierung lobte daraufhin den „mutigen Schritt ins Nicht‑Existieren“ als Zeichen außergewöhnlicher Loyalität.
Eremus stand daneben und schrieb ein neues Wort auf sein Schild:
„UNRETTBAR.“
🌑 Kapitel 18 – Die Stadt, die einen Feiertag erfand: Nicht‑Hinschauen‑Tag
Die Regierung von Ignoranopolis hatte ein Problem.
Nicht das Erdbeben. Nicht den Riss. Nicht die Luftqualität. Nicht die verschwundene Ministerin. Nicht die Menschen, die in regelmäßigen Abständen in Ohnmacht fielen und liegenblieben.
Nein.
Das Problem war: Zu viele Leute sahen Dinge.
Und das war gefährlich. Denn wer etwas sieht, könnte es ernst nehmen. Und wer etwas ernst nimmt, fragt vielleicht nach. Und wer fragt, ist verdächtig. Also musste die Regierung handeln.
🕯️ Die Idee des Jahrhunderts
In einer Krisensitzung – die traditionell ohne Licht, ohne Protokoll und ohne Sinn stattfand – ergriff Präsident Absurdio Triumphati das Wort.
„Meine Freunde“, sagte er, „die Leute schauen hin.“
Entsetzen ging durch den Raum.
„Wenn die Bürger hinsehen, sehen sie Dinge.“
„Unglaublich!“, rief die Ministerin für Ausreden.
„Unverschämt!“, rief ein Abgeordneter.
„Existenzielle Realitätsgefährdung!“, keuchte die verbliebene Vertreterin des Kulturministeriums, die sich seit Wochen nicht sicher war, ob sie wirklich existierte.
Absurdio nickte düster.
„Ich schlage vor… einen Feiertag einzuführen.“
Die Ministerin für Ausreden strahlte sofort.
„Brilliant! Welcher Anlass?“
Absurdio hob beide Hände wie ein Priester, der gleich eine Offenbarung verkündet.
„Ein Fest… der Ignoranz! Der Stolz des Nicht‑Sehens! Der große…“
Er machte eine theatralische Pause.
„Nicht‑Hinschauen‑Tag.“
Der Saal explodierte in Applaus. Es war der lauteste Applaus, seit man das Klatschen verboten hatte.
🕯️ Die offizielle Erklärung
Am nächsten Morgen verkündete Absurdio feierlich: „Liebe Bürgerinnen und Bürger! Wir feiern heute zum ersten Mal unseren neuen Nationalfeiertag!“
Hinter ihm stand ein riesiges Plakat:
NICHT‑HINSCHAUEN‑TAG Wenn du es nicht siehst, kann es dich nicht betreffen.
Darunter kleinere Schilder:
- „Weghören erwünscht!“
- „Nach unten schauen verboten!“
- „Wenn du es siehst – sag es niemandem!“
- „Der Riss bedankt sich für Ihre Diskretion.“
🕯️ Die Regeln des Feiertags
Das Ministerium für Ausreden veröffentlichte die Vorschriften für alle Bürger:
🔸 Regel 1: Bitte vermeiden Sie Blickkontakt mit der Realität.
🔸 Regel 2: Nicht auf die Erde schauen. („Sie könnte beleidigt sein.“)
🔸 Regel 3: Nicht auf Gebäude schauen, die nicht mehr stehen. (Sie waren „vorübergehend kreativ“.)
🔸 Regel 4: Der Riss ist heute unsichtbar. (Aus Gründen der Feiertagsstimmung.)
🔸 Regel 5: Wer dennoch etwas sieht, muss es sofort vergessen.
Ein Beamter fasste es zusammen: „Heute feiern wir, dass wir die Realität überstimmen können.“
🕯️ Die Umsetzung in der Bevölkerung
Die Bürger gaben sich Mühe. Wirklich Mühe.
Eine Frau, die auf ihrem Balkon stand, bemerkte zufällig, dass der Balkon plötzlich zwei Stockwerke tiefer war. Sie sah kurz nach unten, kehrte aber schnell zur Tagesordnung zurück. „Ich habe nichts gesehen! Alles gut! Ich bin sehr stolz auf meine Stadt!“
Ein Mann stolperte in einen Spalt, der sich über Nacht vergrößert hatte. „Ich falle nicht!“, rief er beim Absturz. „Ich bewege mich nur in eine demokratisch abgewählte Richtung!“
Kinder spielten begeistert „Ignoranopolis‑Verstecken“: Sie standen still da, mit geschlossenen Augen, und erklärten laut: „Wenn ich euch nicht sehe, könnt ihr mich nicht finden!“
Die Eltern hielten das für pädagogisch wertvoll.
🕯️ Der Riss feiert mit
Der Riss tat sein Bestes, um mitzuspielen. Er wuchs an diesem Tag nur ein wenig. Ein sehr höflicher Riss also. Gelegentlich öffnete er sich einen zusätzlichen Zentimeter, um jemanden zu inhalieren, aber stets leise und ohne großen Aufwand. Man wollte ja nicht stören.
Ein Passant fiel hinein und rief beim Verschwinden: „Ich sehe nichts! Ich sehe nichts! Alles ist –“
Stille.
Die Ministerin für Ausreden kommentierte zufrieden: „Er war sehr festlich eingestellt.“
🕯️ Eremus bricht das Fest
Eremus jedoch fand diesen Feiertag weniger inspirierend. Er stand am Marktplatz, den Blick offen, das Schild erhoben: „ES HÖRT NICHT AUF, NUR WEIL IHR WEGSCHAUT.“
Ein Beamter vom Ministerium für Feierliche Ruhe ging sofort auf ihn zu. „He! Das verstößt gegen §3 des Festgesetzes!“
„Welcher §3?“
„Sie sehen Dinge. Das ist heute illegal.“
Eremus schnaubte. „Die Stadt bricht auseinander! Hört das niemand? Sieht das niemand?“
Der Beamte schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht! Wir feiern Nicht‑Hinschauen‑Tag! Sie müssen teilnehmen!“
„Ich bin nicht blind.“
„Dann sind Sie illoyal!“
Eremus wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment fiel direkt hinter dem Beamten ein halber Stadtblock in den Riss.
Der Beamte drehte sich nicht um.
„Das war der Wind“, sagte er und ging.
🕯️ Das Ende des Tages
Am Abend hielt Präsident Absurdio seine Ansprache vom Balkon des Regierungspalastes – der inzwischen leicht schräg hing und nur noch auf zwei von vier tragenden Säulen stand.
„Bürgerinnen und Bürger!“ rief er.
„Ich gratuliere uns allen! Wir haben heute bewiesen, dass man alles überwinden kann… wenn man es einfach ignoriert!“
Die Menge jubelte begeistert – jene, die noch stehen konnte.
Der Boden unter ihnen vibrierte. Ein langes, tiefes Grollen zog durch die Stadt.
Niemand schaute hin.
Ignoranopolis hatte seinen ersten Nicht‑Hinschauen‑Tag erfolgreich überlebt. Oder zumindest nicht bemerkt, dass es hätte sterben können.
🌑 Kapitel 19 – Die Stadt, die ein Gesetz gegen Panik erließ
Der Tag begann damit, dass die Angst in Ignoranopolis spürbar wurde.
Nicht die offizielle Angst – die gab es nicht, denn sie war gesetzlich verboten. Sondern die echte. Die in den Gesichtern. In den unruhigen Bewegungen. Im Flackern der Augen vor dem immer größer werdenden Riss.
Die Erde bebte. Die Gebäude schwankten. Die Menschen funktionierten nicht mehr. Und das war ein Problem. Zumindest für die Regierung. Denn Panik war laut. Und Lautsein war verboten.
🕯️ Die Notfallsitzung
Präsident Absurdio Triumphati berief eine dringende Regierungssitzung ein, in einem Raum, der nur noch auf drei Wänden stand und offiziell als „räumliche Optimierungsmaßnahme“ galt. „Meine Freunde“, begann er, „die Bürger benehmen sich beunruhigend.“
Die Ministerin für Ausreden nickte heftig. „Ja, sie sehen nervös aus. Einige wirken sogar… emotional.“
Der Gesundheitsminister (der niemanden gesund bekam, da jede Diagnose als pessimistisch galt) hob eine Hand. „Gestern fiel ein Bürger vor Angst um.“
„Und weiter?“ fragte Absurdio.
„Er stand nicht mehr auf.“
„Und?“
„Er… atmet nicht mehr.“
Absurdio überlegte. „Dann war es eine starke Form der Entspannung.“
Die Minister nickten zufrieden. Das war logisch genug, um als Wahrheit zu gelten. Doch die Panik griff weiter um sich. Menschen flüsterten über den Riss. Sie schauten hin. Sie fragten nach. Sie zuckten bei Geräuschen zusammen. Unhaltbarer Zustand.
Absurdio hob die Hand wie ein Feldherr der Fehlinformation. „Wir brauchen ein Gesetz. Ein Gesetz, das das Problem endgültig löst.“
„Wie immer: Das Problem ist die Reaktion“, erklärte die Ministerin für Ausreden.
„Genau!“, rief Absurdio. „Dann verbieten wir die Reaktion!“
Stille. Dann begann der Rat zu klatschen.
🕯️ Das neue Gesetz
Noch am selben Tag verkündete die Regierung stolz: „ANTI-PANIK-GESETZ Nr. 1“ (Weitere sollten folgen.)
Es bestand aus drei Absätzen:
- 1 – Panik ist verboten.
Wer Panik verspürt, ist strafbar.
- 2 – Angst zählt als Vorstufe zur Panik.
Also ebenfalls verboten.
**§3 – Wer Anzeichen von Panik bei anderen bemerkt,
hat diese unverzüglich zu ignorieren.** („Ignorieren stärkt das soziale Miteinander.“)
Ein Bürger fragte, wie man Panik erkennen solle, wenn niemand danach schauen dürfe.
Er wurde verhaftet. Begründung: „Gefährliche Fragenstellung.“
🕯️ Die Umsetzung
Der Gesetzeserlass veränderte die Stadt sofort. Menschen zitterten noch, aber sagten nichts darüber. Manche schrien vor Angst. Doch offiziell waren es Freudenrufe.
Ein Mann rannte durch die Straßen und brüllte: „AAAH! ALLES FÄLLT EIN!“
Die Polizei fing ihn ein. „Beruhigen Sie sich. Ihr Verhalten ist illegal.“
„Ich habe Angst!“
„Das ist strafverschärfend.“
„Aber-“
Die Polizei packte ihn unter den Armen. „Sie kommen mit. Sie haben gegen §1 und §2 verstoßen und außerdem laut geatmet.“
🕯️ Die Bürger verteidigen sich
Eine Familie versuchte sich gegenseitig davon zu überzeugen, dass ihr Haus nicht schief sei. Das Haus widersprach. Es neigte sich um weitere drei Grad.
„Das ist nur… ein optischer Scherz!“, behauptete die Mutter.
„Eine kreative Auslegung der Statik!“, ergänzte der Vater.
„Ein modernistisches Absenken!“, rief die älteste Tochter.
Der jüngste Sohn zeigte auf den Riss. „Das ist groß geworden.“
Alle drei anderen schrien: „PSCHT!“
🕯️ Eremus bricht das Gesetz sofort
Wie immer stand Eremus am Marktplatz, sein Schild erhoben: „EURE ANGST IST BERECHTIGT.“
Zwei Beamte der neuen Anti-Panik-Einheit stürmten auf ihn zu. „He! Das verstößt gegen §1! Du säst Panik!“
Eremus: „Ich beschreibe die Realität!“
„Genau! Und das ist verboten!“
Der zweite Beamte notierte auf einem Formular: Vergehen: Oszillierende Wahrheit Strafe: Ermahnung der 2. Stufe (Ohne Ton.)
Die Beamten stellten sich vor Eremus und sahen ihn ernst an. „Wir ermahnen Sie. Leise. Damit Sie nicht nervös werden.“
Eremus starrte sie an. „Ihr seid alle verrückt.“
„Auch das ist verboten.“
🕯️ Das Gesetz wirkt (angeblich)
Am Abend gab die Regierung eine Erfolgsmeldung heraus: „DANK DES ANTI-PANIK-GESETZES HERRSCHT IN IGNORANOPOLIS VOLLE RUHE UND ZUFRIEDENHEIT.“ Darunter klein: (Angst hat sich in unbemerkte Verzweiflung verwandelt.)
Der Präsident trat vor die Presse und verkündete stolz: „Seit heute Morgen gibt es keinerlei Panik mehr!“
In diesem Moment brach hinter ihm ein Turm in sich zusammen.
Ein Reporter hob die Hand. „Herr Präsident? Außer diesem Geräusch?“
„Welches Geräusch?“
Alle schwiegen. Denn Panik war ja verboten.
🕯️ Der Riss reagiert
Als die Nacht hereinbrach, zog der Riss ein weiteres Stück Straße ein – diesmal ohne Geräusch, aus Respekt vor dem neuen Gesetz.
Ein Passant fiel lautlos hinein und winkte im Fallen ein letztes Mal freundlich.
Eremus stand auf einem Hügel und sah zu, wie die Stadt weiter in sich zusammenrutschte. „Wenn Ignoranz eine Währung wäre“, flüsterte er, „wäre diese Stadt unendlich reich.“
Der Riss antwortete mit einem tiefen, leisen, hungrigen Atemzug.
Eremus nickte. „Ich weiß.“
🌑 Kapitel 20 – Die Stadt, die das Lächeln zur Pflicht machte
Die Regierung von Ignoranopolis hatte ein neues Problem.
Nicht den Riss. Nicht das Erdbeben. Nicht das Stromdefizit. Nicht den Sauerstoffmangel. Nicht die Tatsache, dass man die Ministerin für Gegenbeweise in den Abgrund hatte rutschen sehen – offiziell natürlich nicht.
Nein.
Das neue Problem war: Die Menschen sahen traurig aus. Das war untragbar. Traurigkeit hatte eine gefährliche Nebenwirkung: Sie ließ die Realität herein. Und die Realität war das Einzige, das Ignoranopolis nicht verkraftete.
🕯️ Die Regierungssitzung
Der Präsident eröffnete die Sitzung mit einem Lächeln, das man später in der Gerichtsmedizin als „eindeutig unnatürlich“ bezeichnen würde.
„Liebe Ministerinnen und Minister! Die Bürger sehen gestresst aus! Manche blicken sogar ernst! Das gefährdet unsere nationale Stimmung!“
Die Ministerin für Ausreden hob sofort die Hand. „Ich empfehle ein radikales Gegenmittel: Wir verbieten ernste Gesichter!“
Die Minister klatschten. Leise, um keine Geräusche zu machen, die jemand als besorgniserregend interpretieren könnte.
Absurdio Triumphati nickte begeistert. „Großartig! Ab heute ist Lächeln Pflicht. Natürlich nur aus freien Stücken.“
Ein Minister fragte vorsichtig: „Und wenn die Menschen nicht lächeln wollen?“
Absurdio zeigte auf ihn. „Dann sind sie illoyal.“
„Ah“, sagte der Minister und setzte ein Lächeln auf, das aussah, als hätte er gerade einen Stromschlag bekommen.
🕯️ Die Verkündung
Noch am gleichen Morgen hörte man die Lautsprecher der Stadt (wenn sie zufällig Strom hatten): „BESCHLUSS DER REGIERUNG: DER OFFIZIELLE LÄCHEL-PFLICHT-TAG WIRD AB SOFORT ZU EINEM LÄCHEL-PFLICHT-JAHR AUSGEWEITET.“
Darunter klein: (Zusätzliche Jahre optional.)
Das Ministerium für Öffentliche Harmonie gab sofort Richtlinien heraus:
Richtlinie 1: Zähne zeigen ist patriotisch.
Richtlinie 2: Hochgezogene Mundwinkel = loyale Bürger.
Richtlinie 3: Neutraler Gesichtsausdruck = subversives Verhalten.
Richtlinie 4: Weinen gilt als Sabotage.
Richtlinie 5: Wer nicht lächelt, hat etwas zu verbergen.
Die Bevölkerung wurde nervös. Aber nervös aussehen war verboten. Also lächelten sie. Es war entsetzlich.
🕯️ Die Smile-Polizei
Um die Einhaltung des Gesetzes zu garantieren, wurde eine neue Spezialeinheit gegründet:
Die Abteilung für Gesichtliche Zuversicht (AGZ)
Sie trug Uniformen mit aufgedrucktem Dauerlächeln und patrouillierte durch die Straßen, um zu überprüfen, ob jeder Bürger das vorgeschriebene Maß an Glück ausstrahlte.
Ein älterer Mann, dessen Haus gerade von einem Riss halb verschluckt wurde, wurde angehalten.
„Warum lächeln Sie nicht?“ fragte ein AGZ-Beamter streng.
Der Mann zeigte auf die Stelle, wo sein Wohnzimmer einmal war. „Weil… mein Haus weg ist…“
„Das ist kein Grund! Sie riskieren die nationale Stimmung!“
Der Mann versuchte ein Lächeln. Es sah aus, als würde er gleich sterben.
Der Beamte nickte zufrieden. „So ist’s brav.“
🕯️ Die Bevölkerung bricht fast zusammen – aber lächelnd
Eine Frau fiel vor Übermüdung um, lächelte aber im Fallen, damit niemand sie verhaften konnte. Ein Mann wurde von einem einstürzenden Balkon getroffen und lächelte noch, als er unter den Trümmern lag. Kinder spielten ein neues Spiel: „Wer am längsten lächelt, ohne zu weinen.“ Der Rekordhalter schaffte fünf Minuten und wurde zur „Kindlichen Ikone der Zuversicht“ ernannt.
🕯️ Eremus widersetzt sich
Eremus stand auf dem Marktplatz mit seinem Schild, diesmal mit: „EIN LÄCHELN HEILT KEINEN BODENRISS.“
Ein AGZ-Beamter stürmte heran. „He! Ihr Gesicht ist neutral! Sie wirken… bedenklich!“
Eremus antwortete: „Ich weigere mich, zu lächeln, wenn ich nicht will.“
„Das ist illegal!“
„Die Welt fällt zusammen.“
„Dann lächeln Sie schneller!“
„Ich bin kein Clown.“
Der Beamte zückte ein Zettelchen. „Dann – Verwarnung wegen mangelnder Zuversicht! Strafe: Zwangslächeln für zwölf Stunden!“
Eremus presste die Lippen aufeinander und sagte nichts. Nicht aus Trotz. Aus Selbstschutz.
🕯️ Die Regierung ist begeistert
Später trat Präsident Absurdio Triumphati auf den Balkon. Hinter ihm kippte ein Hochhaus in einem Winkel, der die Landesarchitekten zum Weinen gebracht hätte – wenn das erlaubt gewesen wäre. Der Präsident zeigte darauf. „Seht ihr das? Ein Gebäude verneigt sich vor unserer Stadt!“
Begeisterter Applaus.
Er fuhr fort: „Liebe Bürgerinnen und Bürger – Dank unserer neuen Lächelpflicht hat niemand mehr Angst! Niemand mehr Sorgen! Niemand mehr Probleme!“
Der Boden hinter ihm brach ein.
„ALLES IST PERFEKT!“
Die Menge grinste. Manche heulten innerlich. Manche äußerlich. Aber lautlos. Denn Weinen war ja verboten.
🕯️ Das Ende des Tages
Am Abend ließen die Menschen in ihren schiefen Häusern und halb eingestürzten Wohnungen die Mundwinkel sinken. Nicht aus Erschöpfung. Aus Wahrheit. Doch sobald der Morgen graute, zogen sie sie wieder hoch. Nicht, weil sie glücklich waren. Sondern weil Ignoranopolis beschlossen hatte, dass Glück Pflicht ist – und alles andere Panik und Panik illegal.
Eremus sah über die Stadt, die so fröhlich lächelte, dass sie zu sterben vergaß. „Ihr seid verloren“, murmelte er.
Der Riss antwortete mit einem langen, hungrigen Grollen.
🌑 Kapitel 21 – Die Stadt, die das Denken rationierte
Die Probleme in Ignoranopolis häuften sich. Der Riss wuchs. Die Häuser kippten. Die Luft fehlte. Der Strom war weg. Die Bevölkerung lächelte zwanghaft. Und immer mehr Menschen stellten Fragen.
Fragen waren gefährlich. Denn Fragen führten zum Denken. Und Denken führte zu Erkenntnis. Und Erkenntnis… war das Letzte, was Ignoranopolis brauchen konnte.
Also reagierte die Regierung. Nicht auf die Probleme. Sondern darauf, dass Menschen noch die Fähigkeit besaßen, sie zu bemerken.
🕯️ Die Sitzung des Denk-Ministeriums
Präsident Absurdio Triumphati berief eine Sondertagung ein im „Zentrum für Gedankenfreiheit“ – einem Gebäude, in dem Denken grundsätzlich verboten war. „Ministerinnen, Minister,“ begann er, „wir haben ein Problem. Die Bürger denken.“
Ein Raunen ging durch den Raum. Ein Minister sank sogar in Ohnmacht: Sein Gehirn war solche Informationen nicht gewohnt.
Die Ministerin für Ausreden nickte ernst. „Ja, ich habe es beobachtet. Gestern hat ein Mann versucht, einen Zusammenhang zwischen Erdbeben und Riss zu erkennen.“
„Entsetzlich!“, rief ein Abgeordneter. „Hat er damit aufgehört?“
„Nein. Er ist leider hineingefallen.“
„Puh“, sagte der Präsident erleichtert. „Dann ist das geklärt.“
Aber das Problem bestand weiter.
Die Menschen wurden misstrauisch. Sie stellten Fragen wie:
- „Warum fallen Häuser?“
- „Warum hebt sich der Boden?“
- „Warum müssen wir lächeln, wenn uns schlecht ist?“
- „Warum ist die Ministerin verschwunden?“
- „Warum dürfen wir die Luft nicht atmen?“
Das war bedrohlich.
Absurdio erhob sich. „Freunde, wir müssen die Denkleistung rationieren! Wir dürfen nicht zulassen, dass die Bevölkerung überbeansprucht wird.“
Die Minister applaudierten. Langsam. Damit es nicht nach Reflexion aussah.
🕯️ Das neue Gesetz
Noch am selben Tag wurde verkündet: „GESETZ ZUR DENKRATIONIERUNG“ (zum Schutz der geistigen Stabilität)
- 1 – Denken ist grundsätzlich erlaubt,
aber nur 10 Minuten pro Tag.
- 2 – Die Denkdauer wird gemessen
mit dem neuen Gerät: „Denktimer“ (eine Uhr, die stehen bleibt, wenn man zu intelligent wirkt).
- 3 – Wer länger denkt,
begeht den Straftatbestand der „Gedanklichen Überlastung des Kollektivs“.
- 4 – Logik ist ein Luxusgut.
Nur mit Genehmigung erlaubt. (Die Genehmigung wird nie erteilt.)
- 5 – Kritik ist ein Hochrisikoprozess.
Nur unter Aufsicht des Präsidenten zulässig. (Meistens nicht.)
- 6 – Bürger mit zu hoher Intelligenz
werden zum „Neutralisieren“ eingeladen. (Man schickt sie in dunkle Räume und fragt sie nichts mehr.)
Die Bevölkerung war verwirrt. Doch Verwirrung war erlaubt. Sie zählte nicht als Denken.
🕯️ Die Umsetzung
An jeder Straßenecke standen nun Denktimer‑Kontrolleure, die überprüften, ob Bürger einer gedanklichen Überlastung nahe waren.
Ein Mann saß auf einer Bank und schaute nachdenklich auf eine schiefe Straße.
Ein Kontrolleur trat sofort zu ihm. „He! Denkst du?“
Der Mann erschrak. „Ich… ich glaube… vielleicht…“
Der Kontrolleur drückte einen Knopf auf seinem Denktimer. Das Gerät zeigte: 00:09:59 (WARNUNG: RATION ÄBERSCHRITTEN) „AHA! Zuviel gedacht!“
„Ich wollte nur wissen, warum die Straße-“
„Das ist bereits ein Gedanke!“
Der Mann wurde abgeführt.
🕯️ Die Schulen passen sich an
Schulen erhielten neue Curricula:
- Mathematik: „2 + 2 = egal.“
- Biologie: „Leben entsteht, wenn der Präsident es erlaubt.“
- Geografie: „Die Erde ist da, wo Ignoranopolis ist.“
- Physik: „Warum Dinge fallen? Ungünstige Idee.“
- Philosophie: abgeschafft.
- Geschichte: „Es war schon immer alles perfekt.“
Lehrpersonen erhielten Denktimer, die schrill piepten, wenn jemand ein Problem erklärte.
🕯️ Die AGZ (Abteilung für Gesichtliche Zuversicht) fand schnell heraus: Lächeln und Denken passen nicht gut zusammen.
Also wurde Regel 7 eingeführt: 7 – Wer nachdenklich aussieht, hat automatisch seine Denkration verbraucht.
Ein Beamter sah zwei Bürgerinnen an: „Ihr blickt so… tief. Das ist verboten.“
„Wir haben gar nicht-“
„RUHE! Denktimerüberprüfung!“
Die Geräte piepten laut. Verdächtig laut.
Die Frauen wurden abgeführt wegen „übermäßiger Denktiefe“.
🕯️ Eremus denkt viel zu viel
Eremus stand auf dem Platz mit einem neuen Schild: „DENKT! ES RETTET EUER LEBEN!“
Zwei Denktimer‑Kontrolleure stürmten auf ihn zu. „HE! Das ist illegal!“
„Warum?“
„Weil du die Leute zum Denken anregen willst! Das Gift des Intellekts!“
Eremus seufzte. „Ihr seid doch völlig irre.“
„Das ist auch ein Gedanke! Zwei sogar! Festnahme!“
Sie versuchten, ihn zu packen. Eremus machte zwei Schritte zurück und deutete auf den Riss, der sich direkt hinter ihnen langsam erweiterte.
„Passt auf. Da fällt ihr gleich-“
Die Beamten drehten sich um. Das war ihr Fehler. Der Boden gab nach. Beide verschwanden schreiend im Abgrund.
Eremus nickte. „Zumindest haben sie heute zu Ende gedacht.“
🕯️ Die Erfolgsbilanz des Tages
Am Abend veröffentlichte die Regierung die offizielle Statistik: „Denkration erfolgreich umgesetzt! 98 % weniger Probleme wurden heute erkannt!“ Darunter, klein: (Die restlichen 2 % sind in den Riss gefallen.)
Der Präsident trat ans Mikrofon: „Liebe Bürger! Dank der Denkrationierung haben wir die geistige Gesundheit der Nation gesichert! Was man nicht denkt, existiert nicht!“
Der Riss vibrierte. Unterirdisch. Hungrig.
Eremus sah auf die Stadt und flüsterte: „Aber der Riss denkt schon für euch.“
🌑 Kapitel 22 – Der Tag, an dem die Brücken kollektiv kündigten
Es begann morgens um 6:03 Uhr, also zu einer Zeit, in der die meisten Bürger entweder noch schliefen, bewusstlos waren oder so taten, als würden sie leben.
Ein dumpfes KRAK ging durch die Stadt. Dann ein zweites. Dann ein drittes – klingend wie eine Reihe extrem wütender Fingerknöchel, die an der Realität kratzten.
Die Menschen blinzelten verschlafen und gingen an ihre Balkone (falls diese nicht bereits gefallen waren). Was sie sahen, hätte in jeder anderen Stadt Alarm ausgelöst.
Aber Ignoranopolis war nicht jede Stadt.
🕯️ Die Brücken hatten genug
Die größte Brücke der Stadt – die „Optimistisch‑Über‑Dem‑Abgrund‑Brücke“ – schüttelte sich einmal, stand still, und ließ dann ein großes Banner fallen.
Darauf stand: „WIR KÜNDIGEN. UNTER DIESEN BEDINGUNGEN KANN KEINE BRÜCKE ARBEITEN.“
Eines war klar: Brücken in Ignoranopolis hatten sehr klare Vorstellungen von fairen Arbeitsbedingungen.
Die Brücke seufzte (metaphorisch), hob sich leicht und ließ dann den gesamten mittleren Abschnitt elegant in die Tiefe kippen.
🕯️ Die anderen Brücken schließen sich an
Was folgte, war der erste dokumentierte kollektive Infrastruktur‑Streik der Weltgeschichte. Die „Hoffnungs‑Überquerung‑Brücke“ brach demonstrativ an den Gelenken. Die „Positivitäts‑Passage“ rollte ihre Asphaltdecke zusammen wie eine beleidigte Zunge. Die „Nationale Zufriedenheitsbrücke“ brach einfach in zwei – ein klassischer politischer Kommentar.
Schließlich wackelte die älteste Brücke, räusperte sich hörbar (was die Stadt als „ungehörige Lärmbelästigung“ ansah) und ließ ein zweites Banner fallen: **„Wir fordern:
- Weniger Erdbeben
- Weniger Riss
- Weniger Ignoranopolis“**
Die Bevölkerung war empört. Nicht über den Zustand der Brücken – sondern über deren Frechheit.
„So was hört man heute ja überall“, sagte ein älterer Herr. „Nichts hält mehr durch! Nicht mal Bauwerke!“
🕯️ Die Regierung beruhigt die Lage (falsch)
Präsident Absurdio Triumphati trat auf den Balkon, dessen tragende Balken gerade beunruhigend knirschten. „Liebe Bürger!“, rief er. „Ich bitte um Ruhe! Die Brücken sind nicht eingestürzt – sie haben sich weiterentwickelt!“
Die Ministerin für Ausreden nickte. „Natürlich! Brücken müssen sich gelegentlich entspannen. Sie arbeiten viel! Sie tragen schwer! Das ist ein Wellness‑Programm.“
Ein Reporter fragte zaghaft: „Aber… Menschen fallen in den Riss!“
Die Ministerin für Gegenbeweise (die wieder offiziell existierte, obwohl man sie neulich fallen sah – man hatte beschlossen, es nicht gelten zu lassen) sagte streng: „Das sind freiwillige Abstiegsgänge. Bitte respektieren Sie das!“
🕯️ Der Verkehr bricht zusammen
Ignoranopolis war bekannt für sein Verkehrschaos. Doch an diesem Tag wurde es zu einer Studie in angewandtem Untergang. Autos standen im Nirgendwo, weil sie plötzlich keinen Weg mehr hatten. Busse blieben in der Luft stehen – genau an der Stelle, wo einst eine Brücke war.
Ein Taxifahrer erklärte einem Fahrgast: „Ich bringe Sie gerne wohin – aber der Weg existiert nicht mehr.“
„Dann fahren wir nicht!“, sagte der Fahrgast empört.
„Doch! Wir tun so, als würden wir fahren! Das ist realitätsfreundlicher!“
Sie saßen eine Stunde lang im Stand und nannten es „Fortschritt“.
🕯️ Eremus beobachtet das Chaos
Eremus stand neben einer Brücke, deren letzter Rest noch an einem einzigen Stahlseil hing. Er starrte in die Tiefe, dann wieder zur Stadt. Er hob sein Schild: „BRÜCKEN HABEN EIN BESSERES URTEILSVERMÖGEN ALS IHR.“
Ein Bürger kam vorbei, sah das Schild und nickte zustimmend. „Ja, Brücken sind wirklich unzuverlässig geworden.“
„Das ist nicht… das ist… egal.“ Eremus gab auf.
🕯️ Ein offizielles Statement der Brücken
Als hätten Brücken eine Gewerkschaft, erschien am Abend ein neues Banner an einer der letzten halbstehenden Überquerungen. Darauf stand: **„Brückengewerkschaft Ignoranopolis: Wir treten in unbefristeten Streik, bis folgende Bedingungen erfüllt sind: – Keine Risse mehr – Keine Lügen mehr – Kein Präsident mehr Mit freundlichen Grüßen, Die Infrastruktur“**
Die Regierung war empört. „Es ist illegal, dass Bauwerke Forderungen stellen!“, schrie Absurdio.
Eremus murmelte: „Sie sind logischer als ihr.“
🕯️ Der Tag endet – die Brücken nicht
Als die Nacht hereinbrach, standen nur noch drei Brücken. Sie schwankten. Sie knarzten. Sie hielten durch. Bis kurz nach Mitternacht. Dann hörte man ein leises, müdes: „Wir sind raus.“
Und alle drei gaben gleichzeitig auf. Ein letzter kollektiver Rücktritt.
Ignoranopolis war nun offiziell eine Stadt ohne Übergänge. Nur der Riss verband noch alles – mit seiner unersättlichen Tiefe.
Eremus sah die Trümmer und sagte leise: „Vielleicht… kündigt bald die Erde.“
🌑 Kapitel 23 – Die Stadt, die die Realität zur Staatsfeindin erklärte
Es gab einen Moment – einen winzigen, kaum wahrnehmbaren Augenblick – in dem selbst Ignoranopolis spürte, dass etwas nicht mehr stimmte. Es war genau der Moment, als die Erde einen Ruck machte und eine ganze Straßenschlange einen halben Meter nach links wanderte.
Eine Frau sah die Verschiebung und schrie: „DIE REALITÄT HAT MICH ANGEGRIFFEN!“
Und wie es in Ignoranopolis Tradition war, wurde aus diesem missverständlichen Satz innerhalb von drei Stunden eine Staatsdoktrin.
🕯️ Die Notstandssitzung
Präsident Absurdio Triumphati versammelte das Kabinett in einem Gebäude, das inzwischen schräger war als seine Gedankengänge. „Kolleginnen und Kollegen“, begann er, „wir stehen vor einer Bedrohung.“
Die Ministerin für Ausreden nickte. „Ja. Die Menschen haben heute Dinge gesehen.“
Der Minister für Innere Zuversicht zitterte leicht. „Ein Mann hat gesagt, er habe die Wahrheit gespürt.“
Der Gesundheitsminister ergänzte: „Ein gefährlicher Zustand. Hochansteckend.“
Absurdio hob die Hand, um die Dramatik zu erhöhen. „Freunde… die Realität wendet sich gegen uns.“ Er wartete den erwarteten Schock ab. Er kam sofort. „UNVERSCHÄMTHEIT!“ „EIN ANGRIFF AUF DEN STAAT!“ „REALITÄT? HIER?“ Der Präsident nickte düster. „Wir müssen handeln.“
🕯️ Der Vorschlag
Die Ministerin für Gegenbeweise (die offiziell nie verschwunden war, obwohl viele Zeugen das Gegenteil behaupteten) stand auf. „Ich schlage vor: Wir erklären die Realität zur STAATSFEINDIN.“
Die Minister keuchten. Nicht aus Überraschung – das war längst überfällig – sondern vor Begeisterung.
„Brillant!“ „Endlich geht jemand das Grundproblem an!“ „Dieser Riss wird sich wundern!“
Absurdio strahlte. „Dann stimmen wir ab.“
Alle Hände gingen hoch – aus Angst, was passieren würde, wenn sie es nicht täten.
„Beschlossen! Die Realität ist ab sofort STAATSFEIND NR. 1.“
Er träumte kurz von einem Denkmal, aber er ließ es.
🕯️ Die Verkündung
Noch am selben Mittag erschollen die Lautsprecher der Stadt: „ACHTUNG, BÜRGER! DIE REALITÄT IST AB SOFORT ILLEGAL!“
Darunter eine Liste neuer Vorschriften:
🔸 §1 – Realitätswahrnehmung ist verboten
(„Sehen Sie nur, was wir Ihnen zeigen.“)
🔸 §2 – Wer Realität benennt, begeht Landesverrat
(Strafe: intensives Wegschauen.)
🔸 §3 – Realistische Aussagen sind staatsfeindliche Propaganda
(„Die Erde bewegt sich!“ → 5 Monate Zwangsoptimismus)
🔸 §4 – Nur genehmigte Illusionen gelten
(Eine Liste wird veröffentlicht, sobald jemand eine lesen kann.)
🔸 §5 – Die Realität darf keinen Einfluss mehr auf politische Entscheidungen haben
(Dies galt bereits vor der Verkündung.)
Die Bürger waren verwirrt. Doch Verwirrung war mittlerweile die Staatsreligion.
🕯️ Die ersten Maßnahmen gegen die Realität
Die Regierung schickte Spezialteams aus:
🔹 Die Anti-Wirklichkeits-Brigade (AWB)
Ihr Auftrag: Realistische Objekte erkennen und eliminieren.
🔹 Das Ministerium für Illusionsschutz
Zuständig dafür, alles, was funktionierte, durch etwas zu ersetzen, das offiziell perfekt war und praktisch unbrauchbar.
🔹 Der Sicherheitsdienst für Gefährliche Fakten (SGF)
Leitspruch: „Wo ein Fakt ist, ist ein Feind.“
Eine AWB-Einheit besprayte ein einstürzendes Haus mit dem Schild „ALLES IN BESTER ORDNUNG“ und meldete stolz: „Der Angriff der Realität wurde abgewehrt!“
Der Boden sackte 20 cm ab. Ein triumphales Versagen.
🕯️ Die Bevölkerung wird geschult
Die Bürger erhielten neue Anweisungen: „Wie man Realität vermeidet“
- Schauen Sie niemals nach unten.
- Wenn etwas bricht, denken Sie an etwas anderes.
- Wenn der Riss wächst, sagen Sie, er schrumpft.
- Wenn jemand sagt, er habe etwas gesehen: → Melden Sie ihn umgehend.
- Wenn Sie selbst etwas sehen: → Sofort tief durchatmen (falls noch Luft vorhanden ist).
🕯️ Eremus wird aufgegriffen
Eremus stand abseits, sein Schild diesmal besonders einfach: „ES PASSIERT WIRKLICH.“
Eine Anti-Wirklichkeits-Brigade stürmte auf ihn zu. „Halt! Sie begehen Realitätsverbreitung!“
Eremus seufzte. „Ihr wollt die Realität verbieten? Viel Glück.“
„Ihr Schild ist gefährlich!“
„Weil es stimmt?“
„WEIL ES EXISTIERT!“
Eremus hob beide Hände. „Der Riss wächst. Die Erde bewegt sich. Die Stadt fällt auseinander. Das ist Realität.“
Der Kommandant der AWB schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Das ist Ihre Meinung.“
„Dann schauen Sie hin!“
„Wir dürfen nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil es dann wahr wird!“
Eremus blieb sprachlos.
🕯️ Der Riss reagiert
Am Abend zog sich ein weiteres Stück der Stadt in den Abgrund hinab, als hätte der Boden beschlossen, dass er genug von dieser Farce hat.
Ein besonders großer Block verschwand mit einem dumpfen Poltern – offiziell „ein akustisches Missverständnis“.
Die Regierung gab eine Erklärung heraus: „Die Realität versucht, Chaos zu stiften! Aber wir werden nicht akzeptieren, dass sie existiert!“
Eremus stand am Rand des Risses, der tiefer und breiter wurde.
Er sagte leise: „Die Realität braucht eure Zustimmung nicht.“
Der Riss antwortete mit einem langsamen, schmatzenden Grollen. Nicht freundlich. Nicht geduldig. Aber sehr, sehr real.
🌑 Kapitel 24 – Der große Nationalkongress gegen Fakten
Die Situation in Ignoranopolis spitzte sich zu. Die Stadt zerfiel, die Menschen stolperten durch Ruinen, der Riss wurde täglich größer, und der Boden bewegte sich, als wolle er höflich, aber bestimmt sagen: „Ich kündige.“
Die Regierung aber sah das Problem anders. Nicht der Riss. Nicht das Beben. Nicht die Luft. Nicht die Infrastruktur.
Nein. Der wahre Feind war inzwischen klar: Fakten. Sie waren lästig. Sie störten. Sie tauchten immer wieder auf, auch wenn man sie verboten hatte.
Also beschloss die Regierung von Ignoranopolis, einen historischen Gipfel abzuhalten:
⭐ Der Erste Nationale Kongress gegen Fakten
Man feierte es wie die Olympischen Spiele der Verleugnung.
🕯️ Der Ort des Kongresses
Der Kongress fand statt im „Großen Saal der Alternativen Wahrheit“ – einem Gebäude, das schon leicht schief stand und dessen Dach nur noch aus Hoffnung gehalten wurde.
Am Eingang hingen große Banner:
- „Faktenfreie Zone“
- „Achtung: Logikverbot“
- „Denken nur mit Genehmigung“
- „Beweise müssen draußen bleiben“
Eremus stand davor, starrte lange auf die Schilder und murmelte: „Das ist wie ein Trauerzug, aber alle tanzen.“
🕯️ Eröffnung durch Präsident Absurdio Triumphati
Präsident Absurdio betrat die Bühne unter tosendem Applaus (obwohl offiziell niemand klatschen durfte, weil das zu viel Lärm machte). Er strahlte. „Bürgerinnen und Bürger von Ignoranopolis! Heute schreiben wir Geschichte!“
Eine Wand hinter ihm knackte.
„Wir haben erkannt, dass Fakten uns schwächen.“
Knack.
„Fakten sind gefährlich.“
Knack. Krümel fielen von der Decke.
„Fakten sind… nun… unhöflich!“
Ein Stück Decke löste sich und fiel hinter ihn. Er drehte sich nicht um.
„Seht ihr? Die Realität versucht, uns zu sabotieren! Deshalb müssen wir handeln!“ Er hob beide Arme. „Wir starten heute: DEN NATIONALEN KAMPF GEGEN FAKTEN!“
Die Menge jubelte. Oder fiel um. Schwer zu unterscheiden.
🕯️ Die Debattenrunde
Der Kongress bestand aus vier Panels, die absurder kaum hätten sein können.
🧲 Panel 1: „Fakten – Mythos oder Modeerscheinung?“
Ein Redner erklärte: „Fakten waren eine kurze Phase der Menschheitsgeschichte. Sie sind wie Schlaghosen. Nur peinlicher.“
Ein Applaus ging durch den Saal. Ein Teil davon kam von einer einstürzenden Galerie.
🔮 Panel 2: „Wie man Fakten vermeidet“
Die Ministerin für Ausreden erklärte: „Der beste Weg, Fakten zu vermeiden, ist, sie nicht zu kennen. Der zweitbeste: jemand anderen dafür verantwortlich machen.“
Die Menge nickte begeistert. Soweit sie noch Hälse hatte, die nicht eingeklemmt waren.
🗃️ Panel 3: „Faktenfreie Zonen – die Zukunft!“
Ein Architekt stellte neue Stadtpläne vor:
- Gebäude ohne Fenster („Weniger Realität von außen“)
- Straßen ohne Ziel („Damit niemand ankommt und etwas merkt“)
- Parks ohne Bäume („Zu naturverbunden“)
- Schulen ohne Lehrplan („Innovation!“)
Ein Bürger rief: „Das ist großartig!“ Dann brach der Boden unter ihm ein.
Die Ministerin für Gegenbeweise notierte: „Fall von Begeisterung.“
🧨 Panel 4: „Wie wir die Realität zur Feindin erklären“
Ein General ohne Armee erklärte: „Wir müssen die Realität angreifen, bevor sie uns angreift!“
„Wie greifen wir die Realität an?“ fragte jemand.
„Mit Ignoranz! Wie immer!“
Tosender Jubel. Kurz darauf stürzte die Bühne an einer Ecke ein. Man wertete das als „Standing Ovation der Natur“.
🕯️ Der Höhepunkt des Kongresses
Während die Reden liefen, öffnete sich der Riss weiter. Langsam. Selbstbewusst. Hungrig.
Ein Stück des Gebäudes kippte in den Abgrund. Niemand reagierte. Man hatte beschlossen, dass Architekturprobleme privat seien.
Schließlich trat Absurdio Triumphati erneut vor. „Ich präsentiere Ihnen die Schlussresolution!“
Er schwenkte ein großes Dokument: „FAKTENVERBOT NR. 1“
Darin stand:
- Fakten müssen sich künftig anmelden
- Nicht angemeldete Fakten gelten als Fälschungen
- Wer Fakten verbreitet, begeht Staatsfeindlichkeit
- Die Stadt definiert künftig selbst, was wahr ist
- Logik ist nur erlaubt, wenn sie der Regierung nutzt
- Realität hat sich fortan an die offiziellen Richtlinien zu halten
Die Menge jubelte. Einige schrien. Der Boden vibrierte. Ein Minister fiel um und lächelte dabei. Ein weiterer Bodenabschnitt verschwand.
Absurdio schrie über den Lärm hinweg: „Ignoranopolis ist ab heute eine faktenfreie Nation!“
Der Riss antwortete: KRKRRRRMMMMMM.
Eremus seufzte. „Der Riss applaudiert. Das ist kein gutes Zeichen.“
🕯️ Die große Schlussabstimmung
Die Regierung stimmte ab. Ergebnis: 100 % Zustimmung (auch von Abgeordneten, die nicht mehr existierten – man hatte sie aus Respekt weiter gezählt).
Mit einer symbolischen Geste warf Absurdio Triumphati alle bereits gesammelten Fakten der letzten Jahre in den Riss. Sie verschwanden sofort. Denn der Riss hatte eine Vorliebe für Wahrheit.
Die Menge brüllte: „WIR HABEN GEWONNEN!“
Eremus sah ihnen zu und murmelte: „Nein. Ihr habt verloren. Die Realität war nie euer Feind. Ihr wart es selbst.“
Der Riss vibrierte als würde er sagen: „Bald.“
🌑 Kapitel 25 – Präsident Absurdios letzter Satz
Es geschah um 12:01 Uhr mittags, zur offiziell verordneten „Stunde der Zufriedenheit“, in der niemand traurig sein durfte und alle lächeln mussten, egal, wie viele Gebäude gerade einstürzten.
Der Riss war inzwischen so groß, dass er wie ein zweiter Horizont wirkte – ein schwarzer Schlund, der die Stadt betrachtete wie ein hungriges Tier.
Der Boden vibrierte, als würde jemand unter der Erde einen sehr, sehr schlechten Witz erzählen.
🕯️ Die letzte Rede
Präsident Absurdio Triumphati stellte sich auf den Balkon, dessen Geländer sich bedenklich nach vorne bog, und lächelte in die Menge, die mehrheitlich aus Menschen bestand, die zu verängstigt waren, um nicht zu lächeln.
„Bürgerinnen und Bürger von Ignoranopolis!“, begann er stolz.
Direkt hinter ihm brach die andere Hälfte des Balkons ab und fiel in die Tiefe.
Er ignorierte es.
„Wir stehen heute-“ Ein Stück Mauerwerk fiel neben ihn. „-vor einer großartigen Zukunft!“
Die Ministerin für Ausreden nickte. Die Ministerin für Gegenbeweise notierte eifrig: „Balkon vollständig intakt.“
Absurdio fuhr fort, zufrieden wie ein Mann, der die Realität bereits mehrfach verklagt hatte.
„Ich sage euch: Dies ist der sicherste Ort der Welt! Der Riss-“
Ein tiefer, vibrierender Ton rollte durch die Hauptstadt.
Der Riss öffnete sich. Breiter. Tiefer. Unmissverständlich.
Absurdio lächelte weiter. „-DER RISS IST EIN BEWEIS, DASS WIR-“
Die Erde gab nach. Nicht leise. Nicht höflich. Nicht wie eine Warnung. Sondern wie jemand, der endlich genug hat.
Der Marktplatz brach auf. Straßen klappten ein. Häuser rutschten in die Tiefe wie Karten aus einem schlechten Spiel. Die Hälfte des Regierungspalastes verschwand im Nichts.
Die Menge schrie. Nicht vor Angst – das war ja verboten. Sondern vor „enthusiastischer Überraschung“.
Eremus stand am Rand des Abgrunds und hob sein Schild: „ICH HABE EUCH GEWARNT.“
Es half niemandem.
🕯️ Der Fall
Absurdio Triumphati bemerkte endlich, dass der Boden unter ihm fehlte.
Der Riss zog ihn und die gesamte Regierungsplattform in die Tiefe, samt Mikrofon, Banner und Lächel‑Pflicht‑Dekoration.
Er fiel.
Die Menge hielt den Atem an – nicht freiwillig, sondern weil es kaum noch Luft gab.
Während Absurdio ins Dunkel stürzte, hob er die Arme, als würde er den Abgrund selbst zu einer Pressekonferenz einladen.
Er rief, mit voller Überzeugung und letzter Kraft: „IGNORANOPOLIS GEHT ES BESSER ALS JE ZUV-“
Der Riss schloss sich für den Bruchteil eines Augenblicks über ihm. Und der Satz kam nie zu Ende.
🕯️ Das Ende von Teil II
Der Boden beruhigte sich. Die Schreie verebbten. Die Stadt existierte nur noch in bröckelnden Fragmenten und in falsch optimistischen Regierungsberichten, die niemand mehr lesen konnte.
Eremus schaute lange in die Tiefe, dann nach oben, dann wieder in die Tiefe. Er seufzte. „Schon wieder allein“, murmelte er – nicht zum ersten Mal.
Der Wind trug den Staub davon. Die Sonne sank langsam. Und der Riss atmete zufrieden, als hätte er seine Arbeit getan.
🕯️ TEIL III – DER KONTINENT, DER SICH SELBST VERGISST
Kapitel 26 – Die Weltgemeinschaft der Realitätsverweigerer
Kapitel 27 – Die UNO des Wahnsinns tagt zum ersten Mal
Kapitel 28 – Der internationale Ausschuss für Katastrophenleugnung
Kapitel 29 – Die WGV erklärt den Weltuntergang zum „Atmosphärischen Spa‑Tag“
Kapitel 30– Der letzte Atemzug der Menschheit
Epilog II – Was vom Menschen blieb
🌑 Kapitel 26 – Die Weltgemeinschaft der Realitätsverweigerer
Nach dem vollständigen Verschwinden von Ignoranopolis – offiziell „ein beispielloser Erfolg der städtischen Modernisierung“ – musste der Rest der Welt reagieren. Nicht etwa mit Trauer. Nicht mit Hilfsprogrammen. Schon gar nicht mit Analyse. Sondern mit etwas viel Logischerem: Sie gründeten eine globale Organisation.
Der Name stand schnell fest, denn er war im Grunde nur die ehrliche Zusammenfassung dessen, was alle Staaten seit Jahrzehnten praktizierten:
⭐ Die Weltgemeinschaft der Realitätsverweigerer (WGV)
Der Gründungsgipfel wurde in einem Land abgehalten, dessen Name man nicht aussprach, weil man sonst hätte wissen müssen, wo es auf der Karte liegt.
🕯️ Die Gründungsmitglieder treffen ein
Delegationen aus allen Kontinenten reisten an:
- Die Föderation der „Alles in Ordnung“-Republiken
- Die Union der „Das betrifft uns nicht“-Staaten
- Die Allianz der „Offiziell unbesorgten“ Reiche
- Die Bruderschaft der „Wir lehnen Naturgesetze ab“-Nationen
- Und natürlich die Neutralstaaten, die gar nicht erst angereist wären, wenn man sie darauf hingewiesen hätte, dass sie existieren.
Eremus beobachtete alles von der Besuchergalerie aus. Niemand wusste, wer er war, aber alle hielten ihn für „den Mann, der irgendwie nicht ins Konzept passt“ – eine zutreffende, universelle Beschreibung.
🕯️ Die Eröffnungsrede
Der frisch ernannte Generalsekretär der WGV, ein Mann mit dem diplomatischen Charme einer Parkuhr und der emotionalen Tiefe einer Bleistiftmine, trat ans Podium.
Er schlug auf das Mikrofon, das nicht funktionierte, weil niemand eingestehen wollte, dass Technik gewartet werden muss. Er sprach trotzdem. „Verehrte Staatsoberhäupter! Wir stehen heute zusammen, um ein neues Zeitalter einzuleiten! Ein Zeitalter der globalen Harmonie! Ein Zeitalter ohne Angst! Ein Zeitalter ohne Zweifel! Ein Zeitalter ohne…“
Er sah auf seine Karte. „…Fakten.“
Die Menge applaudierte euphorisch.
Einige Delegierte fielen in Ohnmacht, nicht aus Schock, sondern wegen des Sauerstoffmangels im Saal.
🕯️ Die Grundprinzipien der WGV
Als der Applaus abebbte, wurden die Leitlinien präsentiert.
🔸 Prinzip 1: Fakten sind optional.
Staaten dürfen sie nutzen, müssen aber nicht.
🔸 Prinzip 2: Wahrheit ist ein aggressiver politischer Akt.
Wer sie verwendet, riskiert internationale Spannungen.
🔸 Prinzip 3: Naturkatastrophen sind unhöflich.
Die WGV wird ihnen künftig diplomatische Noten schicken.
🔸 Prinzip 4: Warnungen gelten als Bedrohung der Stabilität.
Warnende Personen müssen verpflichtet oder entfernt werden.
🔸 Prinzip 5: **Globale Probleme verschwinden,
wenn man nicht hinsieht.** Ein bewährtes Konzept.
Ein Vertreter eines Inselstaats erhob die Hand. „Was ist, wenn der Meeresspiegel steigt?“
Der Vorsitzende lächelte gütig. „Dann steigt ihr nicht mit.“
„Aber wenn wir untergehen?“
„Dann ist das ein logistisches Missverständnis.“
Alle nickten. Logik hatte gesprochen.
🕯️ Der globale Konsens
Die WGV verabschiedete einstimmig: DIE CHARTA DER INTERNATIONALEN REALITÄTSVERWEIGERUNG
Darin stand:
- Man darf über nichts reden, das existiert.
- Man darf nur über Dinge reden, die nicht existieren.
- Wer etwas sieht, muss es sofort bestreiten.
- Wer etwas weiß, muss es vergessen.
- Wer etwas hinterfragt, wird ins „Wahrnehmungssanatorium“ geschickt (ein Ort, von dem noch niemand zurückgekehrt ist — offiziell, weil alle dort so zufrieden sind).
Ein Journalist fragte leise: „Was ist unser gemeinsames Ziel?“
Der Generalsekretär antwortete strahlend: „Ganz einfach: Eine Welt, in der nichts schiefgehen kann, weil niemand erkennt, dass etwas schiefgeht.“
Begeisterter Applaus. Einige stürzten von ihren Sitzen. Niemand erwähnte es.
🕯️ Eremus hält es nicht mehr aus
Eremus stand auf, sein Schild in der Hand. Darauf stand: „ICH HABE EUCH ALLE GEWARNT.“
Er hob die Stimme. „Ihr seid verrückt! Die Welt brennt! Der Boden bricht! Die Luft stirbt! Ihr müsst endlich erkennen, was passiert!“
Stille.
Dann flüsterte der kanadische Delegierte: „Wer ist dieser Mann? Hat er eine Warnlizenz?“
Ein anderer fragte: „Ist das… ein Terrorist? Er benutzt Information.“
Ein dritter: „Vielleicht ist er ein Abgesandter der Realität! SCHÜTZT DIE KINDER!“
Chaos brach aus. Delegierte rannten hysterisch im Kreis. Einige sprangen aus Versehen in den Dekorationsbrunnen, der offiziell ein „Antipanik‑Teich“ war.
Die Sicherheitskräfte stürmten heran. „Hören Sie sofort auf zu warnen! Warnungen destabilisieren die internationale Ordnung!“
Eremus hob das Schild höher. „Die internationale Ordnung IST instabil!“
Die Sicherheitskräfte schnappten nach Luft. „Festnehmen! Er hat Vernunft eingesetzt!“
🕯️ Der weltweite Beschluss
Bevor man ihn abführen konnte, trat der Generalsekretär wieder ans Pult. „Ich schlage einen neuen globalen Beschluss vor: Wir erklären die Realität zur internationalen Bedrohung! Und jeden, der sie erkennt, zum globalen Risiko!“
Alle stimmten sofort zu. Einstimmig. Sogar die Länder, die nicht anwesend waren. Man war schließlich pragmatisch.
Eremus wurde abgeführt. Er lächelte bitter. „Ihr könnt die Realität nicht verbannen.“
Der Generalsekretär sah ihn verächtlich an. „Doch. Wir haben es beschlossen.“
🌑 Kapitel 27 – Die UNO des Wahnsinns tagt zum ersten Mal
Die neu gegründete Weltgemeinschaft der Realitätsverweigerer (WGV) hatte beschlossen, ein globales Parlament einzurichten. Nicht etwa, um Probleme zu lösen. Sondern um sicherzustellen, dass niemand mehr auf die Idee kam, welche zu benennen.
So entstand die UNO des Wahnsinns. Ihr offizieller Titel lautete: „United Negation Organization“ – UNO (deutsche Übersetzung: „Vereinte Vermeider von Dingen, die existieren könnten“)
Das Logo war ein Kreis, der sich selbst durchstrich.
🕯️ Der Sitzungssaal
Die erste Sitzung fand im sogenannten „Saal der alternativen Vernunft“ statt. Ein gigantischer Konferenzraum, der schon beim Betreten deutlich zeigte:
- Die Hälfte der Decke hing durch.
- Der Boden war schief.
- Ein großer Riss verlief mitten hindurch.
- Die Klimaanlage flüsterte Worte, die man nicht wiedergeben wollte.
Man nannte es offiziell „eine kreative architektonische Entscheidung“.
Delegierte aus aller Welt trafen ein, jeder mit einem Notizbuch voller Ausreden und keiner mit einem Plan.
🕯️ Die Eröffnung
Der Generalsekretär – ein Mann, der aussah wie ein scharf gebügeltes Fragezeichen – trat ans Pult. Das Mikrofon funktionierte selbstverständlich nicht. Es war ein Symbol für Transparenz. „Verehrte Delegierte! Heute beginnt ein neues Zeitalter! Ein Zeitalter ohne Verantwortung! Ein Zeitalter ohne Probleme! Ein Zeitalter ohne -“
Ein Stück Gips fiel auf seinen Kopf. Er lächelte tapfer weiter. „-Störungen.“
Die Delegierten applaudierten mit der Überzeugung von Menschen, die Angst hatten, ernst zu wirken.
🕯️ Die Tagesordnung: Chaos mit Tagesordnungspunkt
Die offizielle Tagesordnung lautete:
- Begrüßung
- Ablehnung aller existierenden Probleme
- Erfindung neuer nicht-existenter Probleme
- Beschlussfassung über die Abschaffung der Realität
- Mittagspause
- Ignorieren von Katastrophen
- Harmonisierung globaler Missverständnisse
- Tanzen (optional)
Ein Delegierter meldete sich: „Punkt 4 und 1 widersprechen sich.“
Ein anderer rief: „Widerspruch ist verboten!“
Ein dritter, besonders enthusiastischer Delegierter, schlug vor, die Realität rückwirkend abzuschaffen.
Der Saal applaudierte.
🕯️ Der erste offizielle Streit
Ein Delegierter aus einem überfluteten Küstenstaat warf ein: „Wir haben ein echtes Problem -“
Der Saal verstummte.
Dann brach Chaos aus.
„ECHT??“ „Problem??“ „WIE WAGST DU??“
Die Ministerin für Ausreden sprang auf. „Wir tolerieren keine authentischen Wahrnehmungen! Sie destabilisieren die internationale Gemeinschaft!“
Der Delegierte versuchte zu erklären: „Unser Land geht unter-“
„Lügen!“, schrie jemand. „Faktenpropaganda!“, schrie ein anderer. „Wir sollten ihn sanktionieren!“, schrie ein Dritter.
Schließlich einigte man sich darauf, das Land in der Karte einfach eine Etage höher zu zeichnen.
Problem gelöst.
🕯️ Eremus beobachtet – und verliert den Rest Optimismus
Eremus saß im Besucherbereich, zwischen drei Delegationen, die sich gegenseitig vorwarfen, nicht ausreichend falsch informiert zu sein. Er zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht. Sein Schild stand neben ihm: „DIE WELT BRENNt.“
Ein deutscher Delegierter beugte sich zu ihm. „Sie haben da einen Tippfehler. ‚Brennt‘ schreibt man ohne t.“
Eremus antwortete nicht. Es lohnte sich nicht.
🕯️ Der zweite Tagesordnungspunkt: Die große globale Leugnung
Der Generalsekretär klopfte auf das Pult. „Nun, verehrte Kollegen, kommen wir zu Punkt 2: Ablehnung aller existierenden Probleme.“
Delegationen standen auf und meldeten einstimmig:
- „Es gibt keinen Klimawandel!“
- „Unsere Luft war schon immer gelb!“
- „Das Meer ist nicht giftig, nur ambitioniert!“
- „Erdbeben sind emotionale Ausbrüche der Erde!“
- „Vulkane drücken nur Kreativität aus!“
- „Der Riss ist ein künstlerisches Projekt!“
Alles wurde ohne Diskussion angenommen. Diskussion hätte ja bedeutet, darüber nachzudenken.
Das Denkrationierungsprogramm verbot das.
🕯️ Der dritte Tagesordnungspunkt: Erfindung neuer Probleme
Der Vorsitzende lächelte. „Wir müssen neue fiktive Probleme erzeugen, um die Bevölkerung zu beschäftigen!“
Die Vorschläge:
- „Die Bedrohung durch zu positive Menschen“
- „Der Anstieg illegaler Optimisten“
- „Die Gefahr, dass zu viel Wissen im Umlauf ist“
- „Der Missbrauch von Logik im Alltag“
- „Die subversive Verbreitung des Wortes ‚Warum?‘“
Einige Delegierte forderten, den Buchstaben „W“ zu verbieten. Er war ihnen zu fragend.
🕯️ Dann passiert es
Während der Saal überlegte, wie man rationale Gedanken kriminalisieren könnte, fühlte man plötzlich ein Rumpeln. Nicht laut. Nur tief. Uralt.
Der Boden bewegte sich, als hätte der Kontinent beschlossen, zu sagen: „Ich habe lange genug zugehört.“
Mehrere Delegierte sprangen auf. „Was war das?!“
Der Generalsekretär lächelte. „Ein Missverständnis der Erdkruste.“
Das Rumpeln wurde stärker.
Eremus stand auf, blickte in die Tiefe des Risses, der sich zwischen den Sitzreihen ausbreitete. „Das“, sagte er leise, „ist euer Weltuntergang, der sich räuspert.“
🕯️ Der letzte Beschluss des Tages
Inmitten des Bebens brachte der Vorsitzende den wichtigsten Beschluss aller Zeiten ein: „Ich schlage vor: Wir erklären die Realität offiziell für ungültig!“
Der Saal jubelte. Papier flog. Ein Kronleuchter fiel. Niemand wich aus.
Der Beschluss wurde einstimmig angenommen.
Damit war die Realität abgeschafft.
Und genau in diesem Moment begann sie zurückzuschlagen.
🌑 Kapitel 28 – Der internationale Ausschuss für Katastrophenleugnung
Nach der ersten Tagung der UNO des Wahnsinns erkannte die Weltgemeinschaft der Realitätsverweigerer, dass es für die effiziente globale Leugnung eine spezialisierte Struktur brauchte.
Etwas Großes. Etwas Mächtiges. Etwas, das die Wahrheit nicht nur ignorierte, sondern professionell bekämpfte. So wurde er geschaffen:
⭐ Der Internationale Ausschuss für Katastrophenleugnung (IAK)
Kurzbeschreibung im Gründungsdokument: „Eine unparteiische, objektiv voreingenommene Behörde zur Neutralisierung naturbedingter Stimmungsschädigungen.“
Die Bürokratie der Welt hatte sich neu erfunden. Und sie war jetzt noch dümmer.
🕯️ Der Sitz des Ausschusses
Der IAK residierte im „Globale-Optimismus-Zentrum“ — einem monumentalen Bauwerk, dessen Architekt drei Tage nach Fertigstellung lebenslang wegen „übermäßiger Realismusnähe“ verurteilt wurde.
Das Gebäude:
- stand absichtlich auf einer tektonischen Bruchlinie („Symbol für Stabilität!“)
- hatte keine Fenster („Damit niemand versehentlich Realität sieht“)
- roch streng nach Aktenvernichtung und Parfüm von 1984
- war innen vollständig rund („Ecken bieten Platz für Zweifel“)
🕯️ Die Mitglieder des Ausschusses
Der IAK bestand aus den fähigsten Köpfen der globalen politischen Inkompetenz.
🧠 1. Dr. Nulla Evidenz
Vorsitzender. Expertise: Studien über Dinge, die nicht bewiesen werden dürfen.
🧠 2. Professorin Aglaya Schönreden
Ministerin für internationale Beschönigungsstrategien.
🧠 3. Botschafter „Alles-gut“ Mendoza
Spezialist für extrem positive Fehlinterpretationen.
🧠 4. Sir Anti-Alarmington
Vertreter des Königreichs der Strukturellen Gleichgültigkeit.
🧠 5. Dr. Ether Lüge
Forschungsleiterin des Instituts für Diplomatische Wahrheitssabotage.
🧠 6. Ein leerer Stuhl
Er repräsentierte alle Leugnenden, die gerade im Riss verschwanden, aber offiziell noch im Amt waren.
Alle standen unter Eid, die Wahrheit niemals zu verwenden. Nicht einmal aus Versehen.
🕯️ Die erste Sitzung beginnt
Der Vorsitzende, Dr. Nulla Evidenz, schlug mit einem Gummihammer auf das Pult. Holz wäre zu realistisch gewesen. „Ich eröffne die erste Sitzung des Internationalen Ausschusses für Katastrophenleugnung! Punkt 1: Welche Katastrophen leugnen wir heute?“
Die Delegierten blätterten in dicken Mappen, die ausschließlich aus leeren Seiten bestanden.
Professorin Schönreden richtete sich auf. „Wir haben folgende globale Ereignisse, die dringend widerlegt werden müssen:“
Sie las vor:
- „Die Sintflut von Küstenregion 7 — angeblich.“
- „Der Kontinentalriss quer durch drei Staaten — unbelegt.“
- „Der zunehmende Himmelsturz über dem Süden — rein poetisch.“
- „Die Große Wolke — wissenschaftlich irrelevant.“
- „Das weltweite Meeressiedeverhalten — wahrscheinlich Wetter.“
Die Delegierten nickten. Nichts davon klang gefährlich, solange man nicht darüber nachdachte. Und genau das war verboten.
🕯️ Beweisvernichtung als erste Amtshandlung
Sir Anti-Alarmington hob die Hand. „Ich beantrage, sämtliche Beweise für diese Katastrophen sofort zu entsorgen.“
Dr. Nulla Evidenz: „Welche Beweise denn?“
„Alle.“
„Dann ist der Antrag angenommen!“
Ein Beamter schob einen riesigen Schredder in den Saal. Ein Schild darauf las: „Internationale Wahrheitsvernichtungsmaschine – Stufe 5“
Die Maschine wurde eingeschaltet. Sie zog sämtliche Dokumente ein — alle Daten über Beben, Fluten, Brände, Risse. Selbst die Luftzugkarte wurde geschreddert, weil sie „zu metaphorisch“ war.
Dr. Ether Lüge applaudierte. „Hervorragend! Je weniger Beweise, desto stabiler die Welt!“
🕯️ Internationaler Streit über die Definition von „Katastrophe“
Botschafter Mendoza meldete sich. „Ich schlage vor, dass wir ‚Katastrophe‘ neu definieren.“
„Wie?“, fragte der Vorsitzende.
„Als etwas Schönes! Eine Gelegenheit! Ein Geschenk der Natur! Ein… äh… eine Überraschungsreform!“
Der Raum applaudierte begeistert.
Professorin Schönreden notierte: „Neue Definition: Katastrophe = Überraschendes Naturerlebnis.“
Eremus, der von Sicherheitsleuten in die Besucherloge gesetzt wurde, stöhnte hörbar.
Ein Delegierter drehte sich zu ihm um. „Ruhe! Sie stören die globale Harmonie!“
🕯️ Der Bericht des Observatoriums
Ein Assistent stürmte in den Saal, blass und verschwitzt. „H-Hohe Delegation! Das Internationale Observatorium meldet… etwas Ungewöhnliches!“
Dr. Nulla Evidenz lächelte. „Wir nehmen keine ungewöhnlichen Dinge entgegen.“
„Aber… es ist dringend! Der Kontinent bewegt sich! Der Riss breitet sich über Landesgrenzen aus! Die Große Wolke -“
Das Wort „Wolke“ reichte. Alle Delegierten schrien entsetzt: „Panikmacher!“ „Alarmist!“ „Faktenverwendender Extremist!“
Der Assistent wurde sofort hinausgeschleppt. Man hörte seine Stimme den Flur hinunter hallen: „ES IST REAL! DIE WOLKE -“
Türen schlugen. Dann Stille. Sehr bequeme Stille.
🕯️ Der Ausschuss reagiert professionell (also falsch)
Dr. Nulla Evidenz räusperte sich. „Kolleginnen und Kollegen… wir stehen vor einer Bedrohung.“
Alle beugten sich vor. Hypnotisiert.
Er sagte eindringlich: „Die größte Gefahr für unsere globale Stabilität ist…“ Er zeigte zum Ausgang, wo der Assistent verschwunden war. „…die Verbreitung von schlechten Nachrichten!“
Tosender Applaus. Ein paar Deckenplatten lösten sich, aber man nannte es „interne Dekoration“.
Professorin Schönreden: „Ich schlage vor, alle Observatorien zu schließen.“
„Angenommen!“
Sir Anti-Alarmington: „Und alle Wissenschaftler… äh… umzuschulen?“
„Zu was?“, fragte Dr. Ether Lüge.
„Zu Optimismusberatern.“
Der Saal explodierte vor Begeisterung.
🕯️ Die große Abschlussresolution
Der Vorsitzende erhob sich für den letzten Punkt der Tagesordnung. „Ich präsentiere unsere Schlussresolution:“
Er las feierlich: ⭐ **„Katastrophen können nicht stattfinden, wenn niemand sie beobachtet. Daher dürfen Katastrophen nicht beobachtet werden.“**
Die Delegierten stimmten einstimmig zu. Auch jene, die bereits in den wachsenden Riss gefallen waren. Man hatte die Handzeichen rechtzeitig verzeichnet.
🕯️ Eremus’ Reaktion
Eremus erhob sich langsam. Er blickte hinunter zum Ausschuss. Er schüttelte den Kopf. Er flüsterte: „Ihr leugnet nicht Katastrophen. Ihr leugnet das Leben.“
Dr. Nulla Evidenz hörte ihn und lächelte zufrieden. „Schön gesagt. Aber völlig irrelevant.“
Eremus schloss die Augen. Er spürte das Beben unter seinen Füßen. Den warmen Atem der Erde. Den Vorboten. Bald. Sehr bald.
Der Kontinent war bereit. Und der internationale Ausschuss war die letzte Farce, die die Welt noch ertragen musste.
🌑 Kapitel 29 – Die WGV erklärt den Weltuntergang zum „Atmosphärischen Spa‑Tag“
Die Große Wolke kehrte zurück. Nicht leise. Nicht höflich. Nicht subtil. Sondern wie ein überdimensionaler, leuchtender Albtraum, der sich entschlossen hatte, die Erde an ihre Kündigungsfrist zu erinnern.
Ein giftiges Grün, ein Schwefelgelb, ein violetter Kern, der aussah, als hätte jemand kosmische Tinte verschüttet und vergessen aufzuwischen. Sie breitete sich über den Himmel aus, zog über Länder und Meere und verschluckte alles, was nicht schnell genug davonlief – und nichts war schnell genug.
Die Menschen blickten hinauf, verängstigt, schockiert, sprachlos. Die WGV (Weltgemeinschaft der Realitätsverweigerer) blickte ebenfalls hinauf – aber nicht erschrocken. Eher beleidigt.
Dann begann der Wahnsinn seinen finalen Arbeitstag.
🕯️ Krisensitzung: Die ultimative Fehlentscheidung
Die Vertreter aller Staaten stürzten in den Konferenzraum des „Zentrums für Internationale Harmonie und Verdrängung“.
Fenster klirrten. Der Boden bebte. Die Wolke kroch am Himmel wie ein lebendiger Schlund.
Der Generalsekretär der WGV räusperte sich, während die Hälfte der Delegierten schon husten musste – offiziell natürlich aus Begeisterung. „Meine verehrten Kolleginnen und Kollegen“, begann er, „wir bewerten die aktuelle atmosphärische Veränderung als Chance.“
Die Minister applaudierten. Einige husteten weiter. Einer fiel ohnmächtig um und wurde als „besonders engagiert“ gelobt.
Der Präsident der ‚Alles‑Ist‑Gut‑Nation‘ meldete sich: „Diese Wolke wirkt… bedrohlich?“
Die Ministerin für Ausreden sprang auf: „FALSCH! Das ist kein Bedrohungspotenzial, sondern eine Wellness‑Initiative der Atmosphäre!“
Ein Raunen ging durch den Saal.
Der Generalsekretär schnippte mit den Fingern. „Ja! Ein… Atmosphärischer Spa‑Tag!“
Stille. Dann brach frenetischer Applaus aus.
🕯️ Die offizielle Erklärung
Wenige Minuten später verkündeten die Lautsprecher der Welt: „ACHTUNG, BÜRGER! DIE GROSSE WOLKE IST KEINE GEFAHR. SIE IST EIN NATÜRLICHES GESCHENK FÜR KÖRPER, GEIST UND ATEMSYSTEM.“
Darunter in kleiner Schrift: (Atemprobleme sind Zeichen intensiver Erholung.) Weitere offizielle Mitteilungen folgten:
🔸 „Die Wolke hat nur eine starke Präsenz.“
(die Hälfte Afrikas verschwand im Dunst)
🔸 „Die Wolke entgiftet uns – radikal.“
(Massenweise Menschen fielen auf der Stelle tot um)
🔸 **„Bleiben Sie draußen!
Direkter Kontakt stärkt das Immunsystem!“** (die Wolke fraß gesamte Küstenregionen)
🔸 „Das Leuchten ist therapeutisch!“
(die Helligkeit verbrannte horizontweit alles Organische)
Die Pressekonferenzen wurden immer kürzer, weil die Presse immer weniger wurde.
🕯️ Begeisterte Reaktionen – offiziell
In allen Ländern wurden Bürger zur Teilnahme am Spa‑Tag ermutigt:
- „Öffnen Sie die Fenster! Die Atmosphäre möchte zu Ihnen!“
- „Die Wolke hat ein natürliches Peeling‑Verhalten!“
- „Brennen ist ein Zeichen intensiver Hauterneuerung!“
- „Erstickungsgefühle sind nur tiefe Entspannung.“
Im Fernsehen zeigten Moderatoren auf eine Kamera, die nichts als giftiges Grün sah. „Liebe Zuschauer, das ist ein wunderschönes Naturphänomen! Eine kostenlose Ganzkörper‑Therapie!“
Der Kameramann fiel währenddessen tot um. Der Moderator lächelte weiter. Er hatte ja die Pflicht.
🕯️ Eremus sieht es kommen
Eremus stand auf einem Hügel, weit oberhalb der Ebene, auf der die Wolke bereits Städte verschluckte wie zufällige Snacks. Er hielt sein Schild: „ES IST NICHT THERAPEUTISCH. ES IST DAS ENDE.“
Ein Beamter der WGV stolperte den Hang hinauf. Sein Schutzanzug war eigentlich nur ein durchsichtiger Müllsack. „He!“ rief der Beamte. „Das ist staatsfeindlich! Sie verbreiten… negativistische Energie!“
Eremus deutete auf die Wolke, die gerade den Horizont mit einem einzigen Atemzug verschluckte. „Siehst du das?“
„Ich sehe Wellness!“, schrie der Beamte und kollabierte.
Eremus schüttelte den Kopf. „Und wieder einer weiter.“
🕯️ Die WGV hält ihre letzte Sitzung ab
Der Generalsekretär versuchte, die Sitzung fortzusetzen, während die Wolke bereits um das Gebäude herumwuchs wie ein hungriger Schatten. „Panik ist verboten!“, rief er keuchend.
„Die Wolke… die Wolke ist nur… äh… eine sehr tief gehende Massage!“
Dr. Nulla Evidenz hob die Hand: „Ich beantrage, dass wir die Wolke zur internationalen Partnerin ernennen!“
„Angenommen!“, schrie jemand.
Die WGV-Abgeordneten verfassten hastig eine Erklärung: „Die Große Wolke ist ab sofort eine offizielle Verbündete der Menschheit.“
Die Wolke antwortete, indem sie das Dach abtrennte.
🕯️ Der Untergang wird offiziell schön geredet
Als die Gebäude einstürzten, gab die WGV noch folgende Abschlussmeldung heraus: „Herzlichen Glückwunsch! Der Atmosphärische Spa‑Tag war ein voller Erfolg!“
Dann folgte: „Aufgrund der hohen Nachfrage wird der Spa‑Tag auf unbestimmte Zeit verlängert.“
Und zuletzt: „Ab jetzt ist die Welt wolkenoptimiert.“
Das war der letzte Funkspruch.
🕯️ Der Kontinent stirbt — die WGV lächelt
Gebäude gingen unter, Menschen lösten sich auf, das Land wurde hell, zu hell, viel zu hell — bis alles, was existiert hatte, zu Staub, zu Licht, zu Nichts wurde.
Und der letzte offizielle Satz der Weltgemeinschaft lautete: „Das ist kein Weltuntergang — das ist nur atmosphärische Transformation.“
Die Wolke stimmte zu. Lautlos.
🌑 Kapitel 30 – Der letzte Atemzug der Menschheit
Es gab keinen Knall. Keinen Aufschrei. Keine heroische Geste. Keine letzten, bedeutungsvollen Worte der Zivilisation. Nur ein leises Zischen, als die Große Wolke die letzten Kontinente erreichte. Ein Zischen, das klang wie das Öffnen eines Ventils: das Ventil der Menschheit.
🕯️ Der letzte Tag
Die Sonne war ein fahlgelber Kreis hinter toxischem Dunst. Die Luft schmeckte nach Metall, Staub und leiser Hoffnungslosigkeit. Über das, was einmal Europa gewesen war, legte sich die Wolke wie ein gigantisches Tuch für ein sehr großes und sehr endgültiges Begräbnis.
Menschen liefen herum, torkelnd, mit glasigen Augen, denn die WGV hatte verbreitet: „Heutiger Zustand der Atmosphäre: Wellness. Bitte tief und oft atmen.“
Einige hatten es wörtlich genommen. Die meisten hatten es nicht überlebt.
🕯️ Die Weltgemeinschaft verschwindet
Der letzte überlebende Sprecher der WGV stand auf einer improvisierten Plattform – eigentlich war es das Dach eines Gebäudes, das sich zu entscheiden schien, schräg zu leben.
Er hielt eine offizielle Kundgabe: „Bürger der Welt! Wir verkünden stolz: Der Atmosphärische Spa‑Tag wird erfolgreich fortgesetzt! Die Atmosphäre…“ Er hustete. Ein dunkler Funke glitt aus seinem Mund. „…wirkt intensiver denn je.“
Die Wolke schluckte ihn. Granular. Zischend. Ohne Dramatik. Ein Verwaltungsakt der Natur.
🕯️ Die Natur holt sich zurück, was ihr gehörte
Die Meere kochten. Der Himmel färbte sich in einem Grün, das nur Dinge annehmen, die nichts Gutes wollen. Bäume verglühten im Stehen, aus Protest oder Würde, wer weiß. Städte lösten sich nicht auf – sie zerflossen. Beton wurde weich, Glas wurde träge, Metall wurde stumpf und zog sich zurück wie ein erschöpfter Organismus.
Tiere flohen nicht. Sie knieten nicht. Sie schwiegen einfach. Instinkt kann man nicht belügen. Der Wind hielt den Atem an.
Er wusste, dass es der letzte Atem war.
🕯️ Eremus – der Letzte
Eremus stand auf einer felsigen Anhöhe, wo die Wolke eine Sekunde zögerte – als würde sie prüfen, ob dieser eine Mensch noch wichtig genug war, um verschont zu bleiben.
Er hielt sein Schild:
„ICH HABE ES EUCH GESAGT.“
Doch es gab niemanden mehr, der widersprechen konnte.
Unter ihm lag der Kontinent. Oder das, was davon übrig war.
Ein Flirren. Ein Beben. Ein kurzes Aufglühen, wie ein letzter Schluckauf der Welt.
Eremus spürte es: Die Erde war müde. Zu müde. Sie wollte schlafen. Und sie würde lange schlafen.
Er atmete ein. Es brannte. Es schmeckte nach Kupfer und Zeit. Er schloss die Augen und ließ seinen Atem ausströmen.
🕯️ Der letzte Atemzug
Es war kein Atemzug der Verzweiflung. Keiner der Angst. Keiner des Flehens.
Es war ein einfacher, menschlicher, leiser Atem. Der letzte, den die Menschheit je tun würde. Die Wolke senkte sich. Warm. Still. Endgültig. Ein weiches, unspektakuläres Ende. Ein letzter Laut: ein kaum hörbares, fast erleichtertes Hhh… als die Luft verschwand und die Körper zu Staub wurden.
Eremus lächelte nicht. Er weinte nicht. Er schrie nicht.
Er flüsterte: „Ich… bin… noch…“
Die Wolke flüsterte zurück: Nicht mehr.
Und die Welt tat ihren letzten Atemzug. Ein Zischen. Dann Stille.
🔥 ENDE VON KAPITEL 30 – UND ENDE DER MENSCHHEIT
Eremus bleibt übrig. Wieder einmal. Wie am Ende des Dorfes. Wie am Ende des Landes. Wie am Ende des Kontinents. Und nun: am Ende der Welt.
Er ist die Brücke zwischen Buch 1: „Die Letzte Warnung“ und Buch 2: „Das Buch der Linien“.
Er ist der letzte Zeuge – und der erste Schritt in die metaphysische Saga.
🕯️ Epilog II – Was vom Menschen blieb
Die Welt war still.
Nicht die Stille nach einem Sturm, nicht die Stille eines Schlafes und nicht die Stille eines Wartens. Es war eine Stille, die zu endgültig war, um Bedeutung zu tragen. Der Himmel war klar, so klar, dass man hätte glauben können, er sei unschuldig. Unter ihm lag das, was einmal „Menschheit“ gewesen war. Nicht in Ruinen. Nicht in Trümmern. Nicht in verbrannter Erde. Nur in Abwesenheit. Kein Schritt. Kein Wort. Kein Atem.
Die Kontinente berührten sich wieder im Schweigen. Ein letzter Windzug strich über das Land, als wolle er nach jemandem suchen, der noch horcht. Doch niemand antwortete.
Die Große Wolke hatte ihre Arbeit getan: still, konsequent, gnadenlos wie eine Wahrheit, die lange ignoriert und schließlich befreit worden war.
🕯️ Eremus
Ein einzelner Mensch stand noch da. Eremus.
An einem Ort, den man nicht mehr benennen konnte, weil niemand übrig war, der wusste, wie er hieß. Staub fiel um ihn herab wie schüchterner Schnee, der sich nicht sicher war, ob er willkommen ist.
Er hielt kein Schild mehr. Es war ihm aus der Hand gefallen, irgendwann zwischen den vielen letzten Momenten. Er sah nicht nach oben. Nicht nach unten. Er sah in das Nichts, das jetzt alles war.
Seine Kleidung war nur noch Asche. Seine Stimme war nur noch Erinnerung. Sein Herz war nur noch Pflicht.
Er wusste: Er war der Letzte, aber nicht, weil er stärker gewesen war. Sondern weil die Welt entschieden hatte, dass einer bleiben musste, um das Ende zu sehen. Um zu bezeugen, was geschah, wenn Warnungen nicht gehört und Wahrheiten nicht erlaubt waren.
🕯️ Was vom Menschen blieb
Eremus hob einen kleinen Gegenstand auf. Etwas Rundes. Verbrannt. Zerbrechlich. Es war ein Knopf. Ein ganz normaler Knopf. Von einem Hemd, das jemand getragen hatte, der nicht zugehört hatte. Er hielt ihn in der Hand, behutsam, als wäre es das letzte, was aus Fleisch und Zeit übrig geblieben war. Vielleicht war es das. Er sah sich um: Ein zerstörter Schuh. Ein geschmolzenes Glas. Ein verbogener Metallring. Ein halbes Schild eines Spielplatzes. Kein Lachen mehr. Kein Lärmen. Kein Leben.
Was vom Menschen blieb, waren Dinge, die keinen Besitzer mehr hatten. Gegenstände ohne Geschichte. Erinnerungen ohne Erzähler. Spuren ohne Füße.
Eremus schloss die Hand um den Knopf und murmelte: „Das wart ihr… am Ende.“ Nicht groß. Nicht mächtig. Nicht heldenhaft. Nur überfordert von eurer eigenen Wahrheit.
Der Wind wehte den Satz davon, als fürchte er, dass selbst dieser zu viel Realität trug.
🕯️ Die Welt nach dem Menschen
Die Erde atmete vorsichtig ein – das erste Mal seit langer Zeit. Ohne Rauch. Ohne Lärm. Ohne Forderungen. Ohne Besitz. Es war ein Atemzug wie ein Neuanfang, aber einer ohne Hast. Als würde die Welt testen, ob Stille ein tragfähiger Zustand ist.
Der Himmel färbte sich zart violett, nur für einen Moment, wie ein stilles Dankeschön an sich selbst. Und der Boden legte sich nieder unter Eremus’ Füßen wie ein Tier, das keinen Schmerz mehr spürte.
Die Welt war leer. Aber nicht tot. Nur entlastet. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit.
🕯️ Der Schritt, der alles verändert
Eremus setzte einen Schritt. Nur einen. Und die Welt zitterte sanft. Nicht aus Angst. Nicht aus Zorn. Sondern aus Erwartung. Er blieb stehen. Spürte es.
Etwas antwortete. Nicht Welt. Nicht Wolke. Nicht Wind. Etwas Jenseitiges. Eine Schwingung, die ihn kannte, lange bevor er wusste, wer er war.
Er hörte sie flüstern: „Komm.“
Eremus schloss die Augen. Ein letzter Mensch – und ein erster Schritt hinaus aus dieser Welt.
Die Erde blieb zurück. Leer. Still. Erleichtert.
Und in der Luft, in der Asche, in der Stille der Welt blieb nur ein einziger Gedanke:
Das war der letzte Atemzug. Und vielleicht der erste für etwas Neues.

